Abgründige Wurzeln des Judenhasses
Angesichts der herausragenden geschichtlichen und kulturellen Bedeutung des jüdischen Volkes und seiner Überlieferungen erscheint der weltweit verbreitet Hass gegenüber dem Judentum und dem israelischen Volk um so erstaunlicher und unbegründeter. Wie konnte es nur dazu kommen, dass Juden seit dem Altertum der Verfolgung, in Mittelalter und Neuzeit schwersten Pogromen ausgesetzt waren und im Holokaust dem systematisch geplanten und mit technischer Präzision durchgeführte Völkermord zum Opfer fielen?
1. Die Infragestellung weltlicher Macht prädestinierte zu Bestrafung und Verfolgung
Wie im Beitrag „Die grundlegende historische und kulturellen Bedeutung des Judentums“ bereits erwähnt, waren die Juden zu Zeiten des Alten Testaments der Auffassung, dass sie nicht den Herrschern zuerst, sondern Gott verpflichtet seien. Auch verweigerten sie den – menschlichen Eigenschafen nachgebildeten - Göttern den Dienst. Dies wurde zum Anlass für Bestrafung oder Verfolgung genommen. Zwar gab es auch israelische Könige, deren Herrschaft währte aber nur kurze Zeit. Vor der Einführung des Königtums, das vom Volk begehrt wurde, warnte der Richter und Prophet Samuel vor den Folgen: „Das wird das Recht des Königs sein, der über euch herrschen wird: Eure Söhne wird er nehmen für seinen Wagen und seine Gespanne, und dass sie vor seinem Wagen herlaufen, und zu Hauptleuten über tausend und über fünfzig, und dass sie ihm seinen Acker bearbeiten und seine Ernte einsammeln und dass sie seine Kriegswaffen machen und was zu seinen Wagen gehört. Eure Töchter aber wird er nehmen, dass sie Salben bereiten, kochen und backen. Eure besten Äcker und Weinberge und Ölgärten wird er nehmen und seinen Großen geben. Dazu von euren Kornfeldern und Weinbergen wird er den Zehnten nehmen und seinen Kämmerern und Großen geben. Und eure Knechte und Mägde und eure besten Rinder und eure Esel wird er nehmen und in seinen Dienst stellen. Von euren Herden wird er den Zehnten nehmen und ihr müsst seine Knechte sein. Wenn ihr dann schreien werdet zu der Zeit über euren König, den ihr erwählt habt, so wird euch der Herr zu derselben Zeit nicht erhören.“ Dass eine derart kritische Beurteilung weltlicher Macht in den Schriften nicht gerade eine untertänige Haltung gegenüber Herrschenden erzeugt, liegt auf der Hand.
2. Die Rede von ‚den Juden‘ im Johannesevangelium als abtrennende Gegenüberstellung
Vielleicht hat im Neuen Testament schon das Johannesevangelium eine Spur gelegt, die zu künftigen Beschuldigungen und Verurteilungen von Juden geführt hat. Wiederholt spricht der Evangelist, wenn es um die Ablehnung von Jesus und seiner Botschaft geht, pauschal von ‚den Juden‘, als sei Jesus selbst und all die vielen Juden, die Jesus gefolgt waren, nicht auch Juden gewesen (so z.B.: Joh. 8.48, 10.31, sowie in der Passionsgeschichte). Hier schlägt sich wohl nieder, dass nicht nur die Zerstörung des Tempels und die Judenvertreibung durch die Römer stattgefunden hatte, sondern vor allem durch Paulus sich der christliche Glaube im nichtjüdischen ‚Heidentum‘ soweit ausgebreitet hatte, dass jüdische Christgläubige in der Minderzahl waren. Dieses erst um die Wende des ersten Jahrhunderts entstandene Werk benutzt zuvor eine so nicht gebrauchte Formulierung, die schon den Keim einer trennenden Gegenüberstellung von Juden und Christen enthält.
3. Gottesmordvorwurf von Kirchenvertretern und Legenden über Bilder- und Hostienfrevel als Vorwand für schwere Pogrome an jüdischen Mitbürgen
Schon im 2. Jahrhundert wurde der antijudaistische Gottesmordvorwurf von einigen Kirchenvätern formuliert. Sie lasteten allen Juden an, Christus böswillig ermordet zu haben, so dass Gott ihre Nachkommenschaft für alle Zeit verflucht habe. Eine neue Phase im Verhältnis zwischen Christen und Juden brach an, als der christliche Glaube von Konstantin zur Staatsreligion erhoben wurde. Nun standen Christen Machtpositionen offen, die mit der Macht auch ihre korrumpierende Wirkung zeitigten. Schon der christliche Kaiser Theodosius II. legte den Juden erhebliche Benachteiligungen ihrer Religionsausübung auf. Seit dem 4. Jahrhundert behaupteten christliche Legenden, Juden versuchten, Christusbilder zu schmähen und zu verletzen. Diese angeblichen Bilderfrevel wurden auch anderen ‚Glaubensfeinden‘ und ‚schlechten‘ Christen unterstellt, wobei es zunächst bei den sich daran ereignenden ‚Wundern‘ (z.B. blutende Abbildungen Christi) darum ging, die Wirkkraft der Bilder und des Glaubens zu beweisen. Erstmals im 5. Jahrhundert wird von einem Bilderfrevel berichtet, der zu Ermordung eines Juden führte. Während im Frühmittelalter Hostienfrevel und Blutwunder (Hostienraub und anschließend blutende Hostien als Spur zum Täter) noch eher zur Bekundung der wundersamen Segens- und Heilkraft der Hostien diente, mussten ab 1298 solche Legenden nur noch zur Rechtfertigung von Judenpogromen herhalten. Der verarmte Ritter Rintfleisch behauptete eine Hostienschändung, aufgrund deren er sich vom Himmel zum Vernichter aller Juden im fränkischen Röttingen berufen sah., was zu einer Nachahmungswelle in Iphofen, Lauda, Weikersheim, Möckmühl und Würzburg führte. Den von dieser Totschläger-Bande durchgeführten Pogromen fielen in über 140 fränkischen und schwäbischen Ortschaften bis zu 5000 Jüdinnen und Juden zum Opfer, die vergewaltigt, gefoltert und verbrannt wurden. In einer weiteren Verfolgungswelle zwischen 1336 und 1338 rotteten sich verarmte Bauern und Ritter zu Räuberbanden „Judenschläger“ unter Führung des Raubritters Armleder zusammen. Ihnen vielen Juden in etwa 60 jüdische Gemeinden im Elsass, in Schwaben, Hessen , an der Mosel, in Böhmen und Niederösterreich zum Opfer. Besonders verwerflich wurde ein angebliches Hostienfrevel-Blutwunder benutzt als Vorwand zur Ermordung der Juden im niederbayrischen Deggendorf, wobei dieses Verbrechen vermutlich dazu diente, sich von Schuldbriefen zu befreien. Das hinderte aber die Einwohner nicht daran, anschließend aus dem angeblich statt gehabten ‚Blutwunder‘ sogar ein Wallfahrtsziel zu machen. Der vorgetäuschte Hostienfrevel wurde schließlich noch durch Altarbilder, Holzschnitte, Gebets- und Andachtsbücher und durch Bühnenstücke über Jahrhunderte kolportiert. Noch bis 1992 blieb die dem angeblichen ‚Blutwunder‘ gewidmete Grabkirche ein Wallfahrtsziel. (Zusammenfassung aus dem Wikipedia-Eintrag zu Hostienfrevel und Hostienschändung)
4. Juden als Sündenböcke für jegliche Unbill, Zielscheibe von tödlichen Aggressionen
Der Aberglaube um die Bild- und Hostienschändung konnte sich auf dem Boden des dargestellten Gedankenguts einiger Kirchenväter und auf dem Überlegenheitsanspruch, der mit der Erhebung zur Staatsreligion befördert wurde, gedeihen. Die verstreut in Europa lebenden Juden eigneten sich aufgrund ihrer isolierten Stellung, ihrer anderen religiösen Riten und Bräuche besonders dazu, als Sündenböcke herzuhalten. Mit dem Ausdruck „Sündenbock“ wird in der Regel jemand bezeichnet, dem die Verantwortung für die Schuld anderer Personen angelastet wird. Laut Wikipedia lässt sich die soziale Rolle des Sündenbocks auch einer ganzen Gruppe von Menschen zuweisen. „Sind Menschen frustriert oder unglücklich, richten sie ihre Aggression oft auf Personen oder Gruppen, die unbeliebt, leicht identifizierbar und machtlos sind.“ Und so wurden Juden immer wieder für allgemeine Notlagen aufgrund von Missernten, Unwettern und Seuchen verantwortlich gemacht und mit Mord und Vertreibung bestraft.
5. Isolation und Ausschluss von Tätigkeiten verstärkten projektive Fantasien und Sündenbockmechanismen
Durch den Ausschluss der Juden von bestimmten Ämtern und Tätigkeiten, durch Verweise in abgegrenzte Wohnbezirke und durch Verpflichtungen zum Tragen besonderer Erkennungszeichen wurde die Isolation und das Fremdheitsgefühl Juden gegenüber künstlich befördert. Damit konnten projektive Fantasien (z.B: die Unterstellung von Ritualmorden, Kindstötungen, sakrale Frevel) blühen und der Missbrauch von Juden als Sündenböcke sich weiter verbreiten. Dabei spielten häufig auch Neid und Missgunst eine Rolle; die Beschuldigungen und Verfolgungen dienten dann dem Zweck, sich den Besitz von Juden anzueignen oder sich Konkurrenten zu entledigen. Ganz ähnliche Motive spielten auch bei den Hexenverfolgungen eine wichtige Rolle.
6. Schriftkunde und kreative Bewältigung von gesellschaftlichen Ausschlüssen verstärkten Neid und Hass
Der über Jahrhunderte geübte Umgang mit den überlieferten Schriften und der sich immer weiter entwickelnden Auslegungspraxis bewirkten einen überdurchschnittlichen Bildungsgrad von Juden. Auch der Ausschluss einer Mitgliedschaft in handwerklichen Zünften trug dazu bei, sich verstärkt geistig zu betätigen. Dies führte zu Neid und Abwertung ihrer Intellektualität und beförderte die Missgunst in Teilen der Bevölkerung. Die jüdische Bevölkerung fand immer wieder einen Weg, aus den Einschränkungen kreative Lösungen zu entwickeln. So fand sie aufgrund des Ausschlusses aus den Zünften den Ausweg einer erfolgreichen Spezialisierung auf Geldgeschäfte. Allerdings wurde diese aus der Not geborene Betätigung des Geldverleihs rasch wieder Anlass, ihr pauschalisierend Habsucht, Geldgier, Wucher zu unterstellen. Außerdem war es verlockend, bei nicht einzulösenden finanziellen Verbindlichkeiten Juden als Halsabschneider darzustellen. Daraus entwickelte sich eine gefährliche Melange an antijüdischen Ressentiments und Unterstellungen, ein zusätzlicher Nährboden für Pogrome, Verfolgung und Vertreibung.
7. Die Judenemanzipation Anfang des 19. Jahrhunderts verkehrte sich in ein grassierende Rassenideologie
Mit der Aufklärung kam es zu einer kurzen Phase der ‚Judenemanzipation‘. Es wurden die gesellschaftlichen Beschränkungen aufgehoben. Die kulturelle und wissenschaftliche Entfaltung in Deutschland und Europa ist seit dieser Zeit mit vielen namhaften Personen jüdischer Abstammung verbunden. Jedoch waren die über Jahrhunderte tradierten Ressentiments Juden und jüdischem Leben gegenüber und der Neid über ihre Fähigkeiten so tief in die gesellschaftlichen Vorstellungen eingeschliffen, dass es in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert zu einer reaktionären Wende kam. Eigene Unterlegenheitsgefühle wurden projektiv in den Lehren von der Minderwertigkeit der jüdischen Rasse untergebracht. Die Rassenideologie, die auch zur Rechtfertigung oder sogar Verherrlichung der schweren Verbrechen des Kolonialismus herhalten musste, mündete und gipfelte letztlich in dem von den Nationalsozialisten rein ideologisch begründeten mit logistischer und technischer Präzision durchgeführten Massenmord an den Juden Europas, im Holocaust.
8. Die schwere Schuld der christlichen Kirchen
Schon früh haben einige Vertreter der Katholischen Kirche die ideologischen Grundsteine für den Antijudaismus gelegt, die im späteren Mittelalter zu Anstiftung von Pogromen geführt hatten und zur Rechtfertigung der Verbrechen benutzt wurden. Der christliche Antijudaismus wendet sich gegen seine eigenen Wurzeln und verkehrt die in den Schriften niedergelegten Grundsätze christlichen Glaubens, in denen Nächstenliebe Barmherzigkeit, Offenheit den Fremden gegenüber, Verzeihen der Sünden zentrale Botschaften sind, in ihr Gegenteil. Die Verherrlichung und Verbreitung der Blutwunder-Legenden im kirchlichen Rahmen als heilsgeschichtliche Wunder, obwohl sie Vorwand für Raub und Mord an jüdischen Mitbürgern waren, ist an Perfidie kaum zu überbieten.
Aber auch Luther rückte nach anfänglichen Forderungen nach Judenmission und gesellschaftlicher Eingliederung der Juden später nicht nur davon ab, sondern: „1543 forderte er die evangelischen Fürsten zur Versklavung oder Vertreibung der Juden auf und erneuerte dazu die judenfeindlichen Stereotype, die er 20 Jahre zuvor verworfen hatte. Damit überlieferte er diese in die Neuzeit. … Antisemiten benutzten sie ab 1879 zur Ausgrenzung von Juden. Nationalsozialisten und Deutsche Christen (DC) legitimierten damit die staatliche Judenverfolgung, besonders die Novemberpogrome 1938. Große Teile der damaligen Deutschen Evangelischen Kirche (DEK) stimmten dieser Verfolgung zu oder schwiegen dazu. “(Wikipedia)
Es ist eine erdrückende Schuld, die die christlichen Kirchen auf sich geladen haben. Sie müssten bekennen, mit ihrem Antijudaismus den Weg zum Holocaust mit geebnet zu haben.
Antisemitismus und Judenhass haben sich über zwei Jahrtausende tief in die Denkgewohnheiten des Westens und der islamischen Welt eingegraben. So ist es zu erklären, dass der Hass auf Juden für Antisemiten keines Auslösers und keiner Begründung mehr bedarf. Jan Philipp Reemtsma führt in seiner Rede ‚Was gibt es da zu erklären?‘ dazu aus: „Der Antisemitismus ist ein Angebot, Mitglied einer internationalen Ressentimentgemeinschaft zu sein, ungetadelt und ungehemmt bösartig zu sein und die Schranken der Zivilisation einzureißen.“ (siehe dazu auch der Beitrag: Der Staat Israel, der Antisemitismus und die Bekämpfung der Hamas-Terroristen). Aktuelles Beispiel sind einige sich als links einstufende Gruppierungen, die die Gräueltaten der Hamas vom 7.Oktober 2023 als Befreiungstat einer Organisation verherrlichen, die die Vernichtung Israels zum Programm erhoben hat.
Eine lebenswerte Zukunft der Menschheit, in der Menschenwürde und Achtung des Mitmenschen Geltung haben, hängt wesentlich davon ab, ob es gelingen wird, den tief verwurzelten Antisemitismus und Judenhass zu überwinden.