Sprache und Schrift – Mittel für gesellschaftliche Veränderungen? 

Sprache und Schrift befinden sich in einer ständigen Entwicklung, ändern sich im Laufe der Zeit. Diese Änderungen vollziehen sich zumeist autochthon als Anpassung an sich allmählich ändernde Sprachgewohnheiten. Davon abweichend gab es zu Zeiten der Adelsherrschaft von oben herab strengere Sprachregelungen. Anredeformen waren entsprechend dem gesellschaftlichen Stand zu variieren. Und auch der Nationalsozialismus führte Sprachregelungen von oben ein, deren Nichtbefolgung bestraft wurde.

Die Sprache in Wort und Schrift enthält wie Architektur und Landschaftsgestaltung Spuren und Überbleibsel vergangener Zeiten. Sie tradiert insofern auch ein historisches Erbe, Erinnerungen an vergangene Verhältnisse. Manche dieser Reste verlieren sich im Laufe der Zeit von selbst, andere verändern ihre Bedeutung, bleiben aber in der Form bestehen. Man spricht von zum Beispiel von ‚Herrlichkeit‘, von ‚Herrschaft‘ – sicher Überbleibsel patriarchalischer Verhältnisse, ohne dass damit automatisch eine geschlechtliche Zuordnung zu Herren gedacht wird. Solche Zeugen der Vergangenheit gehören zum Sprachbestand wie in der Architektur die Schlösser und Ruinen vergangener Herrscher, die gepflegt werden, auch wenn sich mit diesen kein gutes Gedenken verbunden hatte. Auch das generische Maskulinum, mit dem Menschen jeglichen Geschlechts gemeint sind, hat vermutlich einen patriarchalischen Ursprung, hatte aber im Sprachgebrauch seine Geschlecht bezeichnende Bedeutung verloren. Mit dem Wort Student beispielsweise waren inklusiv alle Studierende gemeint. Der Student wurde ähnlich Geschlecht übergreifend verstanden wie ‚der Mensch‘ oder ‚die Person‘.

Nun ist mit der Entwicklung und Propagierung einer geschlechtergerechten Sprache erneut ein Bemühen gestartet, ‚von oben herab‘, das heißt nicht in Anpassung an sich wandelnde Sprachgewohnheiten, Wort und Schrift zu ändern. Von oben herab insofern, als die Impulse von einer intellektuellen Schicht ausgingen, die sich tendenziell links und gesellschaftskritisch verortet. Zunächst ging es im Sinne der Frauenemanzipation um die explizite Benennung weiblicher Formen statt eines generischen Maskulinums. Dieses ließ sich insofern sprachlich zumeist leicht umsetzen, als viele Worte geeignet sind oder schon im Sprachgebrauch verankert waren, mit den angehängten Endungen -in und -innen die weibliche Form zu benennen.

Spätestens nach der Einführung der Geschlechtsbezeichnung ‚divers‘ vom Bundesverfassungsgericht wurde von Teilen der Gesellschaft für erforderlich erachtet, neben männlich und weiblich auch eine davon abweichende angeborene oder empfundene Geschlechtsidentität in Wort und Schrift abzubilden. Dies wird inzwischen schriftlich mit Unterstrich oder Sternchen, gesprochen mit einer Unterbrechung vor der weiblichen Endung -innen zum Ausdruck gebracht. Es kann nicht verwundern, dass derartige ‚von oben‘ eingeführte deutliche Änderungen in Schriftbild und Sprachfluss auf Widerstand stoßen und nicht einfach von allen übernommen werden. Auch führt es manchmal zu seltsamen Ergebnissen, wie in einem TAZ-Artikel, der über Pol*innen schrieb. Können sich Polen und Polinnen so wirklich gut angesprochen fühlen?

Vor allem eine sich als fortschrittlich verstehende Gesellschaftsschicht im intellektuellen Milieu versucht die Verwendung von ‚geschlechtergerechter‘ Sprache und Schrift zum Teil missionarisch allgemein durchzusetzen. Das hat bis zur Annahmeverweigerung von nicht ‚gegenderten‘ wissenschaftlichen Arbeiten an Universitäten geführt – ein Akt sich selbst ermächtigender Sprachjustiz.

Dem Versuch, geschlechtergerechte Sprache allgemein durchzusetzen, liegt die Vorstellung zugrunde, dass in Sprache nicht nur historisch tradierte Ungleichheit zum Ausdruck kommt, sondern mit Sprache herrschende Ungleichheit bewirkt und verfestigt wird, sodass gesellschaftliche Veränderungen über Sprachregelungen erreicht werden könnten. In gebildeten Kreisen ist die Auffassung verbreitet, dass ungerechte gesellschaftliche Realität auf dem Boden von falschem Denken, falschem Bewusstsein entsteht. Wenn auch Einstellungen einen Einfluss auf gesellschaftliche Verhältnisse haben, so kann man seit Karl Marx und den Arbeiten der kritischen Soziologie wissen, dass die konkreten Lebensverhältnisse vorrangig Bewusstsein und Einstellungen prägen: Das Sein= die konkreten gesellschaftlichen Verhältnisse prägen das Bewusstsein und nicht umgekehrt. Das heißt auch, dass für die Gleichberechtigung der Frauen die konkreten Verhältnisse, wie Verdienstmöglichkeiten, Zugang zu Führungspositionen, adäquate Bezahlung sozialer Arbeit und Dienste etc. von entscheidender Bedeutung sind, die Verwendung des generischen Maskulinum demgegenüber von untergeordneter Wichtigkeit ist.

Abgesehen davon, dass breite Bevölkerungsschichten andere Sorgen haben als eine geschlechtergerechte Sprache sich anzueignen, zeigt das allzu bemühte Eintreten für die Verbreitung einer geschlechtergerechten Sprache inzwischen sogar den ursprünglichen Absichten zuwiderlaufende Effekte. In den politischen Auseinandersetzungen in Deutschland hat die Identifikation mit dem neuen Sprachgebrauch den Grünen und ihren Kernanliegen insofern geschadet, als sie dadurch leichter als abgehoben realitätsfern, wenig volksnah hingestellt werden konnten. Wie wenig eine bis in die führenden Unternehmen hinein öffentlich vertretene gesellschaftliche Fortschrittlichkeit innerhalb kürzester Zeit rückabgewickelt werden kann, hat sich in den USA gezeigt, wo nach Antritt der zweiten Präsidentschaft von Donald Trump alle großen Unternehmen innerhalb von Tagen und wenigen Wochen auf dessen intoleranten Kurs umgeschwenkt sind.

Zurück zur gewachsenen Sprache. Es kommt einer Verstümmelung gleich, eine Sprache mit dem Eifer von ihren historischen Lasten allzu gründlich reinigen zu wollen. Sie muss sich entsprechend den sich wandelnden Verhältnissen anpassend ändern und kann sich dabei auch nicht zeitgemäßer Unwörter entledigen. Wie eine Stadt nur dadurch zu einem lebenswerten Ort wird, als sie Zeugen der Vergangenheit nicht beseitigt, bleibt eine Sprache nur lebendig und schön, wenn sie sich ihrer Zeugnisse der Vergangenheit nicht schamhaft entledigt, sondern sie reflektiert verwendet.