Die grundlegende historische und kulturelle Bedeutung des Judentums

Die Juden der vorchristlichen Zeit bildeten ein kleines Volk, dessen Herrscher nie eine über die regionalen Grenze hinausreichende Macht besaßen. Das waren beste Voraussetzungen, um dessen Existenz und Wirken in Vergessenheit geraten oder zumindest der Nichtbeachtung der Nachwelt anheim fallen zu lassen. Um so erstaunlicher ist es, dass kein Volk so entscheidend die Geschichte des Abendlandes, unsere Kultur, unsere Werte, unsere religiösen und humanistischen Ausrichtungen mitgeformt und beeinflusst hat wie das Judentum.

Es gibt alte Schriften wie das Gilgamesch-Epos, die Bücher von Homer, es gibt griechische Göttersagen und die Schriften griechischer Philosophen. Aber kein Buch der Welt hat eine derartige Verbreitung bis heute erfahren wie die Bibel. Und durch den Gebrauch der Texte in der kirchlichen und liturgischen Tradition gibt es wohl keine Texte dieses Alters, die auch heute noch regelmäßig vorgelesen, angehört und immer wieder neu interpretiert und in aktuelle Sinnzusammenhänge gestellt werden. Wie kann das sein? Es gibt vermutlich – wenn man von der religiösen Interpretation eines Wirkens des heiligen Geistes absieht – sicher dafür auch Gründe, die sich aus dem kritischen Gebrauch der Vernunft speisen.

1. Dem Grundanliegen der Schrift, dem ethischen Handeln, kam mit Beginn der Sesshaftigkeit und der Bildung von Eigentum eine zentrale Bedeutung zu

Das Alte Testament, das Juden und Christen gemeinsam als Glaubensgrundlage haben, zeichnet sich durch einige Besonderheiten aus. Es enthält neben Erzählungen zu den Anfängen der Welt und der Menschheit vor allem Schilderungen zur Stammesentwicklung und Frühgeschichte des israelischen/jüdischen Volkes, alte Lobpreisungen und lyrische Lied-/Gedichttexte (Psalmen), Lebensweisheiten, Anweisungen zu ethischem Handeln, Berichte über historische Ereignisse, theologisch gedeutete Schilderungen von Lebensschicksale, Verkündigungen von nicht zur Priesterkaste gehörenden Propheten, die Verletzungen der ethischen Verpflichtungen der Herrschenden wie moralisches Versagen der Bevölkerung anprangern und eine messianische Zukunftshoffnung aufrechterhalten, und vieles mehr. Jedoch zieht sich wie ein roter Faden durch die gesamten Texte die Bedeutung moralisch-ethischen Handelns: Das Scheitern an diesen schriftlich niedergelegten und als Gewissensstimme, Gottesstimme oder Prophetenstimme dargelegten Normen, die daraus sich ergebende schwerwiegenden Folgen sowie die (soziale oder seelische) Heilung über eine innere Einsicht und Umkehr in Denken und Handeln. Diese ständige Auseinandersetzung mit ethischen Normen wurde in der Geschichte der Menschheit seit dem ‚Sündenfall‘ vordringlich. Der Sündenfall (s. auch unter Sinnfragen: „Paradies und Sündenfall – die zweite Schöpfungserzählung) wird hier verstanden als die Bildung von Eigentum und Hierarchien im Rahmen der Sesshaftwerdung des Menschen mit der Folge von Aneignung, Tötung mit Ziel des Raubes von Besitz, Kämpfe in der Familie um Erbe und Rangordnung und Unterdrückung im Rahmen der entstehenden Machtgefälle.

2. Statt Heldengeschichten Erzählungen von schweren Verfehlungen, Umkehr und Reue

Die biblische Stammesgeschichte des jüdischen Volkes ist insofern besonders, als sie weder eine Geschichte von Herrschern noch eine Heldengeschichte des auserwählten Volkes weitererzählt. Beispielhaft sei hier die erste - quasi biographische - Josephsgeschichte genannt, die Thomas Mann in seinem Buch ‚Joseph und seine Brüder‘ in unvergleichlicher Weise literarisch ausgestaltet hat: Dort kann man über die Schilderung der grobschlächtigen Verbrechen der Josephsbrüder (u.a. Massenmord und Brandschatzung einer ganzen Stadt) erstaunt sein. Aber auch hier spielt die Umkehr und Reue eine entscheidende Rolle. Juda, der seine Schuld bekennt und bereut und sich als Faustpfand anstatt seines jüngsten Bruders der Macht anbietet, wird zum Namensgeber des jüdischen Volkes.

3. Geistige Eigenschaften, nicht grobe Kraft prädestinieren zur Führungsrolle – ein Schritt in der Menschheitsgeschichte

Dass in der Josefsgeschichte nicht der Erstgeborene, mit grober Kraft ausgestattete Sohn Ruben den Segen und die Führungsrolle von Jakob übertragen bekommt, sondern Juda, der reflektiert ist und seinem Gewissen gehorcht, folgt einem wiederkehrenden Muster: so geschehen bei Esau und Jakob, aber auch bei Manasse und Ephraim. Vermutlich wird hier die menschheitsgeschichtliche Entwicklung nachgezeichnet, dass der differenzierte Geist der grobschlächtigen Kraft gegenüber an Einfluss gewinnt.

4. Der nicht ergründbare Gott als Seinsgrund – noch heute tragfähige Gottesauffassung und Brücke zu agnostischen Einstellungen

Zentral ist in der biblischen Erzählung der Glaube an das Wirken Gottes. Lassen sich in den griechischen und römischen Göttern Projektionen menschlicher Motive und Eigenschaften erkennen, so bleibt der jüdische Gott für die Juden ein Geheimnis. Geradezu modern oder zeitlos ist das Gebot, man solle sich von Gott kein Bild machen (wogegen die barocken Gottvater-Darstellungen sträflich verstoßen). Der Gottesname Jahwe heißt übersetzt: Ich bin der Seiende. Man kann auch formulieren: Ich bin der Grund allen Seins. Wenn man sich nicht vorstellen mag, dass der Urknall und alles, was ist, aus dem Nichts entstanden ist (wogegen sich unser begrenzter Verstand sträubt), so kann man zu der Annahme eines Schöpfers kommen, der als Urgrund allen Seins mehr ist als unsere Welt, somit weit außerhalb unserer Vorstellungskraft. Die jüdischen Gottesvorstellungen tragen dieser prinzipiellen Unerkennbarkeit, Unfassbarkeit Rechnung. Hier liegen Gottesglaube und agnostisches Bestehen-lassen einer Leerstelle ganz nah beieinander.

5. Der biblische Gottesglaube als Relativierung weltlicher Macht und als Antidot gegen menschliche Überheblichkeit

Der Gottesglaube und die in der Bibel formulierte Gottähnlichkeit der Menschen haben für das Selbstverständnis des jüdischen Volkes und der christlichen Religionen (hier sind nicht die Institutionen gemeint) sowie für die gesellschaftliche Entwicklung des Abendlandes eine wichtige Bedeutung. Mit dem Glauben an Gott als Schöpfer von Himmel und Erde konnte sich eine Kultur der Bewunderung, Dankbarkeit für das Erschaffene und der Sorgfalt gegenüber den Mitgeschöpfen und dem, was die Erde hervor bringt, entwickeln. Dieses Antidot gegen menschliche Überheblichkeit könnte sich auch heute noch als nützlich erweisen. Des weiteren hat die Verehrung eines Gottes, der keinen menschlichen Absichten und Beeinflussungen zugänglich ist, die Bedeutung weltlicher Herrschaft relativiert. Dieses hatte zu einer gewissen Widerständigkeit des jüdischen Volkes gegenüber Mächtigen und Mächten geführt, die ihre Glaubenskultur einzuschränken versuchten, was Anlass zu Repressionen und Verfolgung gab. Diese kritische Haltung gegenüber menschlicher Machtentfaltung hat vermutlich noch seinen späten Niederschlag in den Entwicklungen demokratischer Machtkontrollen gefunden.

Auch heute noch kann sich Jubel, Begeisterung, Bewunderung, Lobpreisung und Dankbarkeit ohne innere Vorbehalte im Reichtum unserer Kirchenmusik ausrücken, die ja auf die biblischen Texte bezogen ist. Menschlichen Herrschern und Mächten gegenüber wären vergleichbar gemeinsame darbietende Äußerungen stets von Heuchelei, Schmeichelei, Vorteilssuche und Unterwürfigkeit korrumpiert.

6. Gottähnlichkeit des Menschen als Grundlage von Menschenwürde und Menschenliebe

Schließlich hat die biblische Darstellung der Gottähnlichkeit des Menschen weitreichende Auswirkungen auf das Menschenbild der jüdischen Volkes und daraus erwachsend des Abendlandes gehabt. Zum einen lässt sich daraus die allen Menschen zukommende Achtung und Würde ableiten, die schließlich in den Deklamationen der Menschenwürde in den Verfassungen und UN-Organisationen ihren Niederschlag gefunden hat. Zum anderen ist darin auch die Gleichwertigkeit, ‚Gleichwürdigkeit‘ von Mann und Frau enthalten. In Zeiten absoluter Vorherrschaft des Patriarchats hat das zwar nicht immer zu völliger Gleichstellung geführt, jedoch zu einer höheren Achtung dem weiblichen Geschlecht gegenüber. Das mit dem Gottesglauben verbundene Gebot ethischen Handelns, das Grundthema des Alten Testaments, verknüpft Gottes- mit Menschenliebe. Dieses ist in Jesu Wort, Moses zitierend, zusammengefasst: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt“. Dieses ist das höchste und größte Gebot. Das andere aber ist dem gleich: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ In diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten“ Gottesliebe ohne Menschenliebe verfehlt Sinn und Grundlage des Alten Testamentes.

7. Christentum und Islam fußen auf den von Juden verfassten biblischen Schriften

Das Alte Testament ist der gemeinsame Stamm jüdischen und christlichen Glaubens. Und Thora und Neues Testament sind die Quellen des Islam. Jesus bezeichnet seine Botschaft und sein Wirken als Erfüllung dessen, wovon die Schrift und die Propheten verkünden. Er bringt seine Botschaft explizit zuvorderst dem jüdischen Volk. Seine Jünger und Jüngerinnen sind Juden wie auch die Mitglieder der Ursprungsgemeinden des christlichen Glaubens. Somit verdanken wir diese Fundamente christlichen Glaubens und christlich-abendländischer Kultur dem jüdischen Volk.

8. Der Koran bezieht sich sowohl auf das Alte wie auf das Neue Testament

Auch der Koran fußt auf der Thora und dem Neuen Testament. Der Islam sieht Abraham als Gründungsvater an, bezieht sich auf seinen Gottesglauben und abstammungsmäßig auf den ältesten Sohn Abrahams Ismael. Dieser – so das erste Buch Mose – wurde von Abraham mit seiner ägyptischen Magd Hagar gezeugt, aber mit seiner Mutter des Hauses verwiesen, jedoch in der Wüste von Gott gerettet und - mit einer Ägypterin verheiratet - zum Vater einer großen Nachkommenschaft. Der Koran bezieht sich auch auf Inhalte des Neuen Testamentes. stuft Jesus als den größten Propheten ein und unterstreicht die Bedeutung seiner Mutter Maria. Auch der Islam wurzelt also auf Überlieferungen der Bibel, bekennt mit Abraham den Glauben an den einen Gott, könnte sich mit dem Judentum verbunden fühlen.

9. Die weltweite Wirkung der Bibel und ihre Bedeutung für die abendländische Kulturentwicklung

Die Textsammlung des Alten Testaments hatte schon früh eine so weitreichende Bedeutung, dass ein erster Teil, die Thora, schon 250 v. Chr. ins Griechische übersetzt wurde, die weiteren Texte folgten bis 100 v. Chr. (die Septuaginta). Dass eine nur dreijährige Lehrtätigkeit eines jüdischen Wanderpredigers Jesus, beendet mit einem schmachvollem Tod am Kreuz, zu einer weltweit verbreiteten Lehre und zu einer Zäsur der Zeitrechnung in ein vor und nach Christi Geburt führen konnte, dass dieser Mensch ohne weltliche Macht noch aktuell so einen Einfluss auf Denken und Glauben von Milliarden Menschen haben kann, ist auch weltlich betrachtet ein Wunder. Im frühen Mittelalter trugen die vielen handschriftlichen Abschriften der Bibel in den Klöstern neben der Tradierung griechischer und römischer Literatur zur Bildung und kulturellen Entwicklung bei. Mit der epochalen Leistung der Übersetzung des Alten und Neuen Testamentes in die deutsche Sprache hat Luther – dank der zeitgleich entwickelten Buchdruckkunst - nicht nur diese Texte unters Volk gebracht, sondern auch damit den Grundstein für eine bis heute gültige deutschen Schriftsprache gelegt. Neben der Tanzmusik wurde die Kirchenmusik zu einer wesentlichen Quelle der Musikentwicklung. Aufklärung und Humanismus setzen auf den Grundlagen biblischer Ethik und christlichem Menschenbild auf. Der christliche Glaube wäre schon längst an den Fehlentwicklungen der kirchlichen Institutionen in den 2000 Jahren zugrunde gegangen, wenn nicht die Irrtümer und schlimmen Auswüchse von Macht dieser Institutionen anhand der Inhalte der Schrift hätten offengelegt, bekämpft und korrigiert werden können.

10. Auch in der säkularen Gesellschaft sind Zeugen der kulturellen Bedeutung des Judentums allgegenwärtig

Auch wenn in der modernen Gesellschaft von der Bedeutung des unschätzbaren Beitrags des Judentums wenig bewusst ist, so sind seine Spuren allenthalben wahrzunehmen: Unabhängig von Glaubensfragen nennt man seine Kinder nach biblisch-jüdischen Namen wie David, Daniel, Magda, Maria, Josef, Jakob, Jonas, Sarah, Rebekka, Anna, Elisabeth, Simon, Thomas etc.. Man verwendet viele Bilder aus den Schriften wie Sintflut, Turmbau zu Babel, David gegen Goliath, Löwengrube, Hiob, ungläubiger Thomas, salomonische Entscheidung, Erstgeburt für ein Linsengericht, Sündenbock, in die Wüste schicken usw.. Und gläubiger Jubel wird mit dem jüdischen Ruf Halleluja, Gebete mit dem jüdischen Amen beendet.

 

Die fast ausschließlich von Juden verfassten Schriften des Alten und Neuen Testaments sind somit ein Eckstein nicht nur des christlichen Glaubens sondern auch unserer Kultur und Geistesgeschichte. Hochachtung und Dankbarkeit wären die adäquaten Haltungen auch den Nachfahren des jüdischen Volkes gegenüber.