Gewaltbereite Migranten? - eine alltägliche Diffamierung seitens der Politik und der Medien
Mit bedauernder Miene verkündete Innenminister Alexander Dobrindt beim letzten Bericht über Gewalttaten in Deutschland, dass der Anteil der Migranten unter den Gewalttaten mit 37% über dem Prozentanteil in der Bevölkerung liege. Man konnte dabei die Genugtuung darüber spüren, dass diese Zahl doch seine gegen Geflüchtete und Asylsuchende gerichtete Politik indirekt zu rechtfertigen scheint. Jedoch lohnt es sich, hier einen genaueren Blick auf die Verhältnisse zu werfen.
Diskriminierende Reflexe von Rechts(außen)*
Im Publik-Forum Nr. 8, 2025 war unter dem Titel „Wenn der Täter Jan heißt“ zu lesen: „Als am 3. März ein Autofahrer mit Vorsatz in eine Fußgängerzone gerast ist und zwei Menschen getötet und 14 Menschen teils schwer verletzt hatte, twittert ein rechtspopulistischer Journalist: wieder Mordanschlag mit einem Auto … die Politik wird nichts zum Schutz der Bevölkerung unternehmen und die Zuwanderung weiter beschleunigen.“ Und die Publizistin Birgit Kelle fragt auf X: „Wie viel Tote braucht es noch, bis die Grenzen zu sind und wir konsequent abschieben?“ Als sich herausstellt, dass der Täter ein Deutscher ohne Migrationshintergrund war, wird die Nachricht rasch zu den Akten gelegt. Die Tat wird polizeilich als Amokfahrt und nicht als extremistisch gekennzeichnet trotz nachgewiesener Verbindungen ins Neonazi-Milieu seitens der LKA-Ermittler.
„Dass die AfD Ängste schürt und migrantische Straftäter zu Hauptproblem des Landes erklärt, ist weder neu noch überraschend, Auch eine Union, die auf der Zielgerade des Bundestagswahlkampfs solche Verbrechen für ihre politische Botschaft zu instrumentalisieren versucht, auch in der so kommunizierten Hoffnung, der AfD Stimmen abzujagen, mag nachvollziehbar sein.“ Aber auch deutsche Medien berichten recht unterschiedlich über Gewalttaten mit oder ohne deutschen Pass.
Interpretationsbedürftige Statistiken – eine Abnahme von Gewalttaten insgeamt
Gemessen an ihrem Bevölkerungsanteil gibt es deutlich mehr ausländische Tatverdächtige, im vergangenen Jahr waren 40 Prozent aller Tatverdächtigen (derzeit 37 %) bei der Gewaltkriminalität Ausländer – bei einem Bevölkerungsanteil von rund 15 Prozent. Forscher und Menschenrechtsorganisationen warnen aber davor, auf Basis der Kriminalstatistik die Sicherheitslage zu bewerten.
Tatsächlich gibt es Untersuchungen, die Anlass geben, die gängige Interpretation der aktuellen Polizeistatistik, die Ausländerkriminalität steige stark an, zu hinterfragen. So stieg nach Angaben des Statistischen Bundesamts der Anteil von Ausländern an der deutschen Bevölkerung zwischen 2013 und 2023 von 8,7 auf 15,2 Prozent. Im selben Zeitraum sank die Gesamtzahl der Straftaten pro 100.000 Einwohnern von rund 7.400 auf 7.040 im Jahr. Auch eine Anfang des Jahres veröffentlichte Studie des Leibnitz-Instituts für Wirtschaftsforschung kommt zu dem Ergebnis, dass Zuwanderung keinen systematischen Einfluss auf die Kriminalität im Land hat. Die höhere Kriminalitätsrate von Ausländern führt sie auf andere Faktoren, etwa ihre Konzentration in städtischen Ballungsräumen mit insgesamt hoher Kriminalitätsdichte zurück.“
Soziale Ungleichheit und ungenügende Integrationsprozesse als Ursachen
Claudia Diehl, Professorin für Mikrosoziologie führt in Spiegel Nr. 22 vom 24.05.2025 aus: „Konservative verweisen gern auf den kulturellen Hintergrund vieler Eingewanderter. Sie argumentieren, dass bestimmte Herkunftsgruppen – besonders aus muslimischen Ländern – weniger stark an sozialem Aufstieg oder Erwerbstätigkeit interessiert sind. Daher seien diese nicht integrierbar.“ Etwas anderes als den kulturellen Hintergrund der Einwanderer dürfte eine wichtige Rolle spielen: die Bedeutung allgemeiner sozialer Ungleichheit und ihrer starken Vererbung innerhalb von Familien. Was kann man dann tun, um Integrationsprozesse zu fördern? Das Gleiche, was auch benachteiligten deutschstämmigen Familien helfen würde: Bestehende Herausforderungen sollten bereits in der Kita identifiziert und in der schulischen Förderung aufgegriffen werden. Wichtig ist außerdem ein gleichberechtigter Zugang zu guten Schulen. Das bedeutet vor allem, eine Konzentration von benachteiligten Kindern zu verhindern, am besten schon in der Nachbarschaft. Später in der Bildungskarriere ist eine gezielte Berufsorientierung notwendig, damit der Übergang in den Arbeitsmarkt auch denen gelingt, die nicht über Vitamin B verfügen … Viele dieser Empfehlungen sind etwa in den Gutachten der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission der Kulturministerkonferenz nachzulesen. ...Leider setzt einen solche Strategie ein viel beherzteres politisches Vorgehen gegen soziale Ungleichheit voraus als Antidiskriminierungstrainings für Lehrkräfte oder symbolische Bekenntnisse für kulturelle Diversität.
Systematische Verzerrungen in der Medien-Berichterstattung zur Ausländerkriminalität
„Nach einer Recherche von Ippen Media berichteten sie über Anschläge in Magdeburg und München mehr als doppelt so häufig wie über die Tat in Mannheim. Nach der Tat in Magdeburg erschienen in deutschen Leitmedien 1035 Beiträge, die darauf Bezug nahmen. Den Anschlag in München thematisierten 951 Beiträge. Wochenlang waren Ausländerkriminalität und Asylpolitik führendes Thema in Zeitungen und Talkshows. Nach den Taten von Magdeburg und München sendete die ARD mehrere Brennpunkte. Nach der Amokfahrt in Mannheim dagegen gab es nur 486 Artikel, in denen die Tat erwähnt wird.“
Thomas Hestermann, Journalismus-Professor an der Hochschule Macromedia: „Es steht eine ganze Betroffenheitsarmada bereit, lautstark zu trauern. Aber nur, wenn der Gewalttäter keinen deutschen Pass hat. Heißt der Tatverdächtige Jan oder Hartmut, ist das Interesse geringer.“
In der Berichterstattung sind es, wenn die Herkunft genannt wird, zu über 80 Prozent ausländische Tatverdächtige‘, so Hestermann, also doppelt so viele wie in der Kriminalstatistik. Deutsche Tatverdächtige machten in der Berichterstattung über Gewaltkriminalität hingegen nur 18 Prozent aus, in der Kriminalstatistik der Polizei liegt ihr Anteil dreimal so hoch bei 60 Prozent.
Zieht man zusätzlich die Erhebungen zu politisch motivierter Kriminalität zurate, wird das Bild um einen weiteren Umstand ergänzt, der wenig abgebildet wird: Nach aktuellsten Untersuchungen aus dem vorvergangenen Jahr stehen 28.945 Straftaten aus dem rechten Spektrum 1.458 Straftaten im Bereich der religiösen Ideologie gegenüber, wozu auch islamistischer Terror gezählt wird.
Hestermann hatte 2023 im Auftrag von Mediendienst Integration 645 Beiträge über Gewaltkriminalität untersucht,davon 269 Fernsehbeiträge von ARD, ZDF, RTL, Sat.1, ProSieben, Kabel Eins, Vox und RTL Zwei sowie 376 Zeitungsbeiträge aus Bild, Süddeutscher Zeitung, FAZ, Welt und taz.
Herstermann kritisiert, dass die Medien Ausländerkriminalität nach den Deutungsmustern der AfD berichten. Bei einer Untersuchung über das Bild der Kriminalität in Deutschland in Pressemitteilungen der AfD (in Bund und Ländern) ging es in 95 Prozent dieser Texte um nichtdeutsche Tatverdächtige, bei weniger als 35 Prozent der Fälle in der damaligen Polizeistatistik, „Für die Zeitungsberichte im Vergleichszeitraum galt fast dasselbe, dort waren 93,5 Prozent der Tatverdächtigen, bei denen die Herkunft erwähnt wurde, Ausländer“
Und was bei Berichterstattung und öffentlicher Wahrnehmung untergeht
Am 3.März dieses Jahres – so war dem Spiegel Nr. 23 vom 31.05.2025 zu entnehmen - stoppte der aus Pakistan stammende Taxifahrer A. Muhammed die Amokfahrt eines Deutschen in einer Fußgängerzone von Mannheim, indem er sich diesem mit seinem Taxi in den Weg stellte. … Der gebürtige Ägypter Mohammed Wali gehörte zu einer Gruppe von Männern, die am 28. Juli 2017 bei einer Messerattacke in Hamburg-Barmbeck durch schnelles Eingreifen den Angreifer aufhielten und weitere Opfer verhinderten. … Am 22. Januar 2025 verfolgte der Somalier Ahmed Mohamed Odowaa in Aschaffenburg einen Mann, der eine Kindergartengruppe mit einem Messer attackiert hatte. Der Täter, der zuvor ein zweijähriges Kind und einen Erwachsenen tödlich verletzt hatte, konnte daraufhin von der Polizei überwältigt werden. Hier ist zu ergänzen, dass in öffentlichen Verkehrsmitteln in der Regel Menschen mit Migrationshintergrund die ersten oder einzigen sind, die in Achtung vor Alter und Gebrechlichkeit ihren Sitzplatz anbieten.
Zum Schluss
Journalisten sind Teil der Gesellschaft, die heute anders auf Migration blickt als noch vor zehn Jahren. Dennoch: „Wenn wir aufgeben, Aussagen an der Wirklichkeit zu messen, dann haben wir verloren“, schrieb die Philosophin Carolin Emcke in ihrem Buch ;Gegen den Hass‘ (2016). „Wenn man sich in einer Welt bewegt, in der nur Geflüchtete als Terroristen, Muslime als Gewalttäter, bestimmte Personengruppen mit bestimmten Assoziationsketten versehen werden, dann prägt sich das irgendwann ein.“
Die öffentliche Diskriminierung einer ganzen Bevölkerungsgruppe, der Menschen mit Migrationshintergrund, wie sie inzwischen auch von Politikern demokratischer Parteien betrieben wird, bedroht den gesellschaftlichen Zusammenhalt und ebnet Wege in eine antidemokratische rechtsradikale Republik. Es geht daher um unser aller Schutz und Zukunft, wenn man diesen Tendenzen entschieden entgegentritt. Stellt man die 1.458 Straftaten aus dem Bereich religiöser Ideologie einschließlich islamistischer Terrorakte den 28.945 Straftaten aus dem rechten Spektrum (Zahlen von 2023) gegenüber, so wird einem bewusst, aus welcher Ecke uns wirklich Gefahr droht. Wenn daher Unionspolitiker nach dem Motto: ‚Haltet den Dieb‘ die Aufmerksamkeit auf gefährdende Migranten ablenken, so unterstützen sie schlicht das Geschäft der AfD.
* Zu großen Teilen handelt es sich bei diesem Beitrag um eine Zusammenfassung des Artikels „Wenn der Täter Jan heißt“ aus der Zeitschrift Publik-Forum Nr. 8, 2025 sowie um Zitate aus zwei Spiegelartikeln.