Die Geschichte der Juden in Deutschland 

Seit wann leben Juden in Deutschland?

Die ersten Juden, die sich auf dem Gebiet des späteren Deutschland ansiedelten, kamen vermutlich aus Frankreich und Italien. Die älteste schriftliche Überlieferung stammt aus dem Jahre 321 und betrifft die Stadt Köln am Rhein. Darin fordert der römische Kaiser Konstantin seine Statthalter in der Stadt Colonia auf, die Juden an den öffentlichen, unbezahlten Arbeiten für das Gemeinwesen zu beteiligen. Zu dieser Zeit siedelten die Germanen noch in Einzelgehöften, den Staat Deutschland gab es noch nicht.
Im frühen Mittelalter ließen sich Juden vor allem im Süden und mittleren Teil Deutschlands nieder. Urkunden, in denen ihre Anwesenheit erstmals erwähnt wird, gibt es aus Mainz für das 8. Jahrhundert , für Magdeburg, Merseburg und Regensburg aus dem 10. Jahrhundert. Für Worms, Trier und Speyer gibt es Urkunden aus dem 11. Jahrhundert. Manche dieser und spätere Urkunden erwähnen Juden nur am Rande. In der Regel aber wird den Juden dabei etwas verboten. Die früheste Urkunde aus Berlin von 1295 verbietet den Juden den Garnverkauf. Zu fast der gleichen Zeit beschloss der Magistrat der Stadt Frankfurt /Oder, dass die zehn jüdischen Fleischer der Stadt nicht mehr als fünf Stück Vieh in der Woche schlachten durften.
Das Leben der Juden in Deutschland war im Mittelalter und auch nach 1500 von sehr widersprüchlichen, oft wechselnden Lebensumständen geprägt. Einerseits erlaubten Kaiser, Könige, Fürsten, Grafen, aber auch Bischöfe und Ratsherren der Städte in ihrem Herrschaftsbereich den Juden gegen gutes Geld den Aufenthalt. Das Ausstellen von Schutzbriefen entwickelte sich zu einem einträglichen Geschäft. Andererseits mussten die Juden für Katastrophen als Sündenböcke herhalten und die unsinnigsten Anklagen über sich ergehen lassen. Sie wurden zum Beispiel als Brunnenvergifter bezeichnet, wenn eine Pestepidemie Stadt und Land entvölkerte. Zwangstaufen, oder falsche Beschuldigungen, christliche Knaben getötet und Hostien aus den Kirchen entwendet zu haben, führten immer wieder zur Vertreibung und Verfolgung der ansässigen Juden. Oft lebten die Juden im Mittelalter in speziellen, nur für sie als Wohnquartier vorgesehenen Stadtvierteln. Bei antijüdischen Pogromen war die Jagd nach den Opfern leicht. Man musste nur in diesen stadtbekannten Straßen und Gassen von Haus zu Haus gehen und unterschiedslos alle verjagen oder gar töten. (aus: Robert Helas, Seminarmaterialien der Rosa-Luxemburg-Stiftung, https://www.rosalux.de/fileadmin/rls_uploads/ pdfs/Themen/ Rechtsextremismus/Helas2.pdf, entnommen 11.1.2022)

In der Frühen Neuzeit (16.-19. Jahrhundert) hält die Verfolgung und Vertreibung von Juden an und verstärkt sich in Krisensituationen wie z.B. dem Dreißigjährigen Krieg (17. Jahrhundert) massiv, in den religiösen Auseinandersetzungen geraten die Juden häufig zwischen die Fronten, zumal die Reformation hier keine Verbesserung bringt. So schreibt Martin Luther in seiner Hetzschrift: Von den Juden und ihren Lügen u.a. Folgendes zu Maßnahmen gegen Juden:

Siebtens soll man den jungen und starken Juden und Jüdinnen Flegel, Axt, Hacke, Spaten, Spinnrocken und Spindel in die Hand geben und sie ihr Brot verdienen lassen im Schweiße ihres Angesichts, wie es Adams Kindern auferlegt ist [1. Mose 3). Denn das kann nicht sein, dass sie uns verfluchte Gojim im Schweiße unseres Angesichts arbeiten lassen, und sie, die heiligen Leute, das Ergebnis unserer Arbeit hinter dem Ofen im Müßiggang mit Rülpsen und Furzen verzehren wollen. Und sie prahlen auch noch lästerlich angesichts unseres Schweißes, dass sie die Herren der Christen seien. Man müsste sie notfalls zur Arbeit prügeln. (zitiert nach: Martin Luther-Der Hassprediger, Dokumente zum Lutherjahr der evangelischen Kirche, http://hassprediger-luther.de/luther-und-die-juden/, entnommen 12.1.2022)

Juden im 18. und 19. Jahrhundert, Aufklärung und Liberalismus

Zwar bekommen die Juden in der Zeit der Aufklärung und unter Napoleons Herrschaft mehr Rechte; die Emanzipation der Juden findet teilweise und individuell statt, sie werden als Bürger anerkannt. Aber namhafte Aufklärer und selbst jüdische Intellektuelle lehnen die jüdische Kultur und Religion häufig als rückständig ab und fordern eine „Assimilation“, das heißt Anpassung und angebliche Zivilisierung. Im gesellschaftlichen Bereich werden sie häufig ausgegrenzt und von der Teilhabe ausgeschlossen, so wurde der Gelehrte Moses Mendelsohn, der Freund Lessings und größte jüdische Aufklärer seiner Zeit, nicht in die Berliner Akademie der Wissenschaften aufgenommen. Prof. Heiko Haumann kommt in seinem Text „Wir waren alle ein klein wenig antisemitisch“ zu folgendem Schluss: „Hier offenbarten sich die Grenzen der Toleranz eines Teils der Aufklärer und Liberalen: Die Juden galten als die Anderen und Fremden, die zwar geduldet wurden, die man aber nicht akzeptieren, sondern umerziehen wollte. Auch die meisten Befürworter einer Judenemanzipation hatten das Bild eines zukünftig ´zivilisierten` Juden vor Augen. An ein gleichberechtigtes Miteinander verschiedener Kulturen dachte damals kaum jemand. [Wenig selbstkritisch, lehnten sie die ihnen fremd und irrational erscheinenden Merkmale der jüdischen Kultur ab.] Die Rationalität [vieler Aufklärer], die kulturelle Eigenarten für überflüssig und schädlich [hielten], weil diese eine Absonderung von der [als homogen empfundenen], vernunftgemäßen Ordnung fördern würden, begünstigte ein [intolerantes und gewalttätiges] Denken und Verhalten und schuf die zivilisatorischen Voraussetzungen, die schließlich die Shoah ermöglichten. Um so wichtiger ist es zu differenzieren, Alternativen sowie Ursachen zu erkennen, warum es zur Katastrophe kam.“ (Heiko Haumann, Schicksale, Wien, 2012, S. 351/52, leicht verändert durch Weissberger)

Es ist wichtig hier zu sehen, dass die Aufklärung Teil und Gegner eines rassistisch-fremdenfeindlichen Systems war und so diesen blinden Fleck ihrer Rationalität nicht erkannte. Dies gilt m.E. auch für die Unterdrückung von Frauen oder auch der kolonisierten Völker.

Uli Fischer-Weissberger ist pensionierter Gymnasiallehrer, er unterrichtete die Fächer Geschichte, Deutsch und Ethik. In seinen Projekten, vornehmlich mit Zeitzeugen des Nationalsozialismus, gestaltete er mit seinen Schülerinnen und Schülern u.a. Filme und Websites. Für seine Arbeit mit dem Judenretter Heinz Drossel erhielten er und das von ihm gegründete „Geschichtsprojekt“ 2009 den Hosenfeld-Szpilman-Preis der Universität Lüneburg.

Auf seiner Homepage veröffentlicht er Ergebnisse seiner Projekt- und Unterrichtsarbeit. Zur Zeit veröffentlicht er u.a. Textanalysen und Kommentare zum Zeitgeschehen.

Homepage: https://fischer-weissberger-filme-medien-geschichte-kultur.net/