I. Ist der Mensch von Natur aus rücksichtslos raffgierig und nur notdürftig zivilisiert oder im Kern freundlich, friedlich und kooperativ?
Die hier dargelegten Inhalte sind dem lesenswerten Buch von Rutger Bregmann: „Im Grunde gut – eine neue Geschichte der Menschheit“ (Rowohlt 2022) entnommen. Wörtliche Zitate sind in Kursiv gesetzt.
Vorbemerkung:
Nachdem ich bereits im August 2025 aus Rutger Bregmans lesenswertem Buch „Im Grunde gut - eine neue Geschichte der Menschheit“ die Inhalte für meinen Beitrag ‚Neues über Kriege‘ entnommen hatte, dachte ich, mit einem weiteren Artikel das Wichtigste aus diesem Buch exzerpieren zu können. Als ich jedoch bei der Umsetzung immer tiefer in die dargestellten Sachverhalte eingestiegen bin und detaillierter die zahlreichen Erkenntnisse, Studien, Recherchen und Beschreibungen beispielhaft realisierter Projekte zur Kenntnis genommen hatte, wurde mir klar, dass ein Beitrag nicht ausreicht, um der Wichtigkeit der dargestellten Themen gerecht zu werden. Nun sind es drei weitere Beiträge geworden, deren dargestellte Inhalte meiner Meinung nach absolut zukunftsträchtig sind – ganz im Sinne dieser Homepage ‚Stimmen für die Zukunft“.
Bregmann stellt zwei einflussreiche Philosophen des 17. bzw.18. Jahrhunderts gegenüber mit je konträrem Menschenbild: Thomas Hobbes mit seinem Buch ‚Leviathan‘ und Rousseau, der bei einer Preisfrage der Akademie von Dijon den ersten Preis gewann mit Beantwortung der gestellten Preisfrage: ‚Hat der Fortschritt der Wissenschaften und Künste zum Verderb oder zur Veredlung der Sitten beigetragen?‘. Thomas Hobbes ging davon aus, dass „das Leben des Menschen in der Natur … einsam, armselig, ekelhaft, tierisch und kurz“ war – ein Krieg jeder gegen jeden. Er sah die Lösung darin, „die Freiheit auf(zu)geben und die Seele und Seligkeit in die Hände eines einzigen Alleinherrschers (zu) legen“, in die des Leviathan. Ein Standpunkt als Blaupause für Direktoren, Diktatoren, Minister und Generäle. Auf Hobbes geht die ‚Fassadentheorie‘ zurück, die besagt, dass nur eine dünne Schicht der Zivilisation den aggressiven egoistischen Kern des Menschen überdecke. Rousseau war demgegenüber der Auffassung, dass die Menschen vor der Sesshaftigkeit ihrer Natur nach frei und friedlich gelebt hatten, jedoch mit der Sesshaftigkeit und der Zivilisation es zu Unfreiheit, Krieg und Verbrechen gekommen sei. Bregmann geht der Frage nach, welches der beiden Menschenbilder Gültigkeit für sich beanspruchen kann, und weshalb das als falsch erkannte Menschenbild sich dennoch so hartnäckig gesellschaftlich verankern konnte.
1. Nachrichten scheinen das negative Menschenbild zu bestätigen
Die Berichterstattung von der Flutkatastrophe nach dem Hurrikan Katrina in New Orleans kannte nur Horrorgeschichten von plündernden Gangstern, Schießereien, Vergewaltigungen, Morden, die die Hobbes‘schen Thesen vom Urzustand jeder gegen jeden zu bestätigen schienen. Die Untersuchungen nach Rückgang des Wassers gaben ein völlig anderes Bild: es gab keine Morde, keine Schüsse, wenn geplündert wurde, dann um das Überleben zu retten, zum Teil mit Unterstützung der Polizei, zum Teil von Gruppen, die die Lebensmittel verteilten. Es war nicht der rücksichtslose Mensch, den die ‚Fassadentheorie‘ als wahren Kern unseres Wesens dargestellt hatte, zum Vorschein gekommen, sondern bei der überwältigenden Mehrheit ein spontanes soziales Verhalten. „In Notsituationen kommt das Beste im Menschen zum Vorschein. Ich kenne keine andere soziologische Erkenntnis, die gleichermaßen sicher belegt ist und dennoch gänzlich ignoriert wird.“
Die gängige Berichterstattung über Zuschauereffekte schildert Menschen, die sich tatenlos anderen Menschen in lebensgefährlichen Situationen gegenüber verhalten. Die Sozialpsychologin Marie Lindegaard kam auf die Idee, Bilder von realen Menschen in realen Situationen durch Auswertung von Aufzeichnungen öffentlich angebrachter Kameras auszuwerten. Das Ergebnis: Statt gleichgültiger Gaffer fand sie heraus, dass in 90 Prozent aller Fälle Menschen einander helfen.
Bregmann weist auf den dem Placebo-Effekt entgegengesetzten Nocebo- Effekt1 hin: Das weit verbreitete negative Menschenbild wirkt als Nocebo: „Wenn wir glauben, dass die meisten Menschen im Grunde nicht gut sind, werden wir uns gegenseitig auch dementsprechend behandeln. Dann fördern wir das Schlechteste in uns zutage.“ Provokant nennt Bregmann die Nachrichten eine Droge, die zu Fehleinschätzungen von Risiken, Angst, negativen Gefühlen, anerzogener Hilflosigkeit, Feindseligkeit gegenüber anderen und Abstumpfung führt. Er verweist auf dutzende Studien aus den Kommunikationswissenschaften, die belegen, das Nachrichten der geistigen Gesundheit schaden. So ergab eine Umfrage in 30 Ländern, dass eine überwältigende Mehrheit der Meinung ist, dass sich die Welt verschlechtere. In Wirklichkeit zeigen wichtige Kennzahlen genau das Gegenteil: „Die extreme Armut, die Anzahl der Kriegsopfer, die Kindersterblichkeit, die Kriminalitätsrate, der weltweite Hunger, die Kinderarbeit, die Anzahl der Todesopfer bei Naturkatastrophen, die Anzahl der Flugzeugabstürze sind in den letzten Jahrzehnten zurückgegangen. Wir leben in der reichsten, sichersten und gesündesten Ära aller Zeiten.“
Wir wissen es nur nicht, weil die Nachrichten die Ausnahmen präsentieren (erst recht in Zeiten der Aufmerksamkeitsökonomie), je außergewöhnlicher, desto nachrichtenwürdiger.
2. Auch in Literatur und wissenschaftlichen Büchern wird das negative Menschenbild weiterverbreitet
Auch Bücher und Wissenschaft tragen zum Nocebo-Effekt bei. Geschichtsbücher berichten über Misserfolg, Tyrannei und Unterdrückung. Wissenschaftler gehen vom ‚Egoisten-Gen‘ aus, Evolutionsbiologen interpretieren soziales Verhalten der Tiere als Vorteilsnahme, hinter dem sich, Opportunismus, Ausbeutung und Heuchelei verberge. Und die Wirtschaftswissenschaft sah im Menschen nichts anderes als den Homo oeconomicus, ständig mit seinem Gewinn beschäftigt.
Dieses ökonomische Menschenbild wirkt seit vielen Jahrzehnten als Nocebo, dient für Theorien und Modelle, die Grundlage für unzählige Gesetze und institutionelle Bestimmungen wurden. Je länger Studenten eine solche Auffassung im Ökonomiestudium studiert hatten, desto egoistischer waren sie geworden.
Ein Beispiel für einen Nocebo-Effekt mit weltweiter Auswirkung ist das Buch „Herr der Fliegen“ von William Golding: Mit Dutzenden Millionen Exemplaren in 30 Sprachen übersetzt, brachte ihm das Buch wegen seiner realistischen Erzählkunst sogar den Nobelpreis ein. Im Roman schildert er, wie 20 überlebende Schüler eines Flugzeugabsturzes auf einer unbewohnten Insel die selbst gesetzten Regeln missachten, die Stimme der Vernunft überhören, die Insel in ein schwelendes Chaos verwandeln und in gewaltsamen Auseinandersetzungen 3 Schüler töten.
Rutger Bregmann misstraute dem Realitätsgehalt dieser Erzählung. Nach Internetrecherchen stieß er auf einen Blog, in dem von sechs Jungen berichtet wurde, die auf dem Weg zum Angeln auf einem Floss in einen Sturm geraten seien und auf einer verlassenen Insel Schiffbruch erlitten hätten. In umfangreichen Nachforschungen stieß er auf noch lebende Zeugen dieser wahren Geschichte mit völlig anderem Verlauf: Nach 8 Tagen Irrfahrt an einer eher unbewohnbaren Insel gelandet, überlebten sie 15 Monate, indem sie eine Kommune bildend kooperativ im angelegten Gemüsegarten arbeiteten, Wasser in ausgehöhlten Baumstümpfen auffingen, eine feste Feuerstelle bewachten, kochten, sogar ein Sportfeld mit Gewichten und Badminton-Feld einrichteten und benutzten. Sie begannen und endeten jeden Tag mit Singen und Gebeten. Sie versorgten fürsorglich einen Jungen, der sich beim Sturz von einer Klippe das Bein gebrochen hatte. Diese wahre Begebenheit blieb von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt, im Gegensatz zu dem Buch ‚Herr der Fliegen‘ von Golding.
Ein weiteres Beispiel für den Nocebo-Effekt stellen die überholten Forschungsmeinungen zu den Osterinseln dar. Für den Niedergang der dortigen Kultur und den Rückgang der fast vom Aussterben bedrohten Bevölkerung wurden exzessive Abholzungen der ehemals verbreiteten Wälder, Kriege zwischen zwei Bevölkerungsgruppen, mangelnde Ernährung aufgrund einsetzender Erosion und dann ein aus Hunger sich gegenseitiges Aufessen verantwortlich gemacht. Zu diesen Fehldarstellungen trugen mehrere Forscher, u.a. auch Thor Heyerdahl, bei. Tatsächlich spielten sich ganz andere Katastrophen auf dieser Insel ab: Die bei der Ursprungsbesiedlung mit eingeschleppten Ratten hatten nach exzessiver Vermehrung die Wälder durch Vernichtung der Baumsamen gerodet, die Insulaner konnten darauf durch Entwicklung von Gemüseanbau sich gut ernähren. Jedoch die Einschleppung der Pocken und die Entführung eines Drittels der Bevölkerung als Sklaven waren die tatsächlichen Ursachen des Niedergangs. Fantasien der Kolonialisten verdecken die Realitäten: Die Aggressivität der ‚Zivilisierten‘ wird auf die friedfertigen Ureinwohner projiziert und so die Nocebo-Wirkung der auf Hobbes Theorien fußende Fassadentheorie scheinbar bestätigt, die unter der dünnen Haut der Zivilisation den ursprünglich egoistischen und aggressiven Kern der Menschen ausgemacht hatte.
3. Ist der Mensch Autoritäten gegenüber willfährig?
Die Milgram-Experimente, deren angebliche Ergebnisse immer wieder in zahlreichen Medien und Publikationen wiedergegeben wurden, stellten den Menschen als jemanden dar, der auf Weisung einer Autorität bereit sei, andere Menschen für falsche Antworten mit Stromstößen bis zu lebensgefährlicher Höhe zu bestrafen. Es wurde behauptet, 65 Prozent der Probanden seien bis zu dieser Grenze gegangen. Bregmann fand bei Überprüfung der archivierten Studienberichte ganz anderes heraus. Zum einen wurden die Probanden zum Teil heftig gegen Ihren Willen genötigt weiter zu machen. Zum anderen glaubten nur 56 Prozent, dass mit dem Experiment tatsächlich schmerzliche Stromstöße verabreicht wurden. Die Mehrheit von denen, die an die Echtheit der Stromstöße glaubten, brachen das Experiment ab. Außerdem brachen alle ab, als der Experimentator die letzte Steigerungsstufe seiner Anweisungen gab: „Sie haben keine andere Wahl, sie müssen weitermachen.“ Die Motivation der Teilnehmer, zu wissenschaftlichen Erkenntnissen beizutragen, zeigte sich auch daran, dass Hinweise, die an die wissenschaftlichen Ziele appellierten, am erfolgreichsten waren. Der Glaube, Gutes zu tun, lässt Menschen weit gehen. Die öffentliche Darstellung der Milgram-Experimente schien die These der nur dürftig durch Zivilisation überzogene gewalttätige Urnatur des Menschen zu bestätigen. Anhand der kritischen Sichtung der verschwiegenen tatsächlichen Vorgänge kam somit heraus, dass es sich bei den veröffentlichten Ergebnissen um eine Fälschung handelte: Nicht blinde Unterwerfung unter eine Autorität, sondern Durchschauen der Vortäuschungen oder guter Glaube, Widerstand und Gewissensbisse zeigten ein gänzlich anderes Bild von den Teilnehmern.
Wissenschaftliche Erkenntnisse bestätigen: Menschen sind im Grunde gut
Rutger Bregmann trug zahlreiche wissenschaftliche Ergebnisse zusammen, die nach dem ‚Erfolgsrezept‘ der menschlichen Evolution forschten. Danach lässt sich feststellen, dass wir den Genen nach zu 60% Bananen, zu 80% Kühe und zu 99% Schimpansen sind. Darwin ging davon aus, dass im ewigen Konkurrenzkampf diejenigen Exemplare einer Gattung oder die Gattungen sich durchsetzten und überlebten, die sich besser anpassten oder im Kampf überlegen waren. Nur trifft das Argument der Stärke kaum auf den gar nicht so schnellen und kräftigen Menschen zu. Oder war die menschliche Klugheit der Selektionsvorteil? Untersuchungen ergaben, dass Schimpansen, Orang-Utans und 4jährige Kinder in räumlichem Verständnis, Rechnen und Erfassen von Kausalitäten praktisch gleichauf lagen. Wozu also dieses große menschliche Gehirn? Mit Entdeckung des Neandertalers zeigte sich, dass dieser ein noch größeres Hirn hatte und stärker war als der Homo sapiens – er starb dennoch aus. Die Spur zur Antwort auf die Frage des Erfolgsrezeptes des Homo sapiens war durch eine Beobachtung Darwins gelegt,der festgestellt hatte, dass domestizierte Tiere etwas kleiner waren, kleinere Gehirne und Zähne hatten als ihre wilden Vorfahren und auch ausgewachsen noch ein jugendliches Aussehen behielten mit einem flacheren Gesicht – Kennzeichen, die auch auf den Vergleich Neandertaler – Homo sapiens zutreffen. Der russische Genetiker Dmitri Beljajew stellte die bahnbrechende Hypothese auf, dass Tiere dieses andere Aussehen annehmen würden, wenn sie nach der Eigenschaft ‚Freundlichkeit‘ selektiert würden und startete ein Experiment: Die besonders aggressiven Silberfüchse ließ er nach dem einzigen Selektionsprinzip ‚Freundlichkeit‘ weiterzüchten. Bereits in der 4. Generation wedelten die ersten Füchse mit dem Schwanz, ein paar Generationen weiter bettelten die Füchse schon nach Aufmerksamkeit. Und dazu parallel änderte sich das Aussehen: Sie bekamen geringelte Schwänze, ihre Knochen wurden dünner, die Schnauze wurde kürzer und Männchen und Weibchen wurden immer ähnlicher, sie schienen nicht erwachsen werden zu wollen. Sie benahmen sich wie Hunde. Beljajews Untersuchungen ergaben, dass die gezüchteten Silberfüchse weniger Stresshormone, dafür mehr Serotonin und mehr Oxytoxin produzierten. Es ist eine bahnbrechende Erkenntnis: Nicht die Stärksten (Darwin), sondern die Freundlichsten hatten das Überleben und die Entwicklung des Homo sapiens bewirkt. Der Beginn dieser Entwicklung lässt sich anhand der erwähnten Domestizierungsmerkmale auf die Zeit vor ca. 50.000 Jahren bestimmen: schwächere, verletzlichere, kindlichere Menschen mit kleinerem Gehirn und flacherem, mimisch beweglicheren Gesicht, das wie ein aufgeschlagenes Buch den Gemütszustand offenbarte, traten auf – alles Eigenschaften, die im Konkurrenzkampf nur Nachteile bringen konnten. Zur gleichen Zeit explodierten die menschlichen Erfindungen: Angeln, Bogen, Kanus, Höhlenmalereien etc.) . Der amerikanische Forscher Brian Hare nutzte den Objekt-choice-Test (versteckte Leckerbissen, deren Auffinden durch gestische Hinweise unterstützt wird), um Intelligenzen von Tieren zu vergleichen. Schimpansen scheiterten, während Hunde mit deutlich kleinerem Hirn sich als intelligent erwiesen, sogar schon im Welpenalter ohne soziales Lernen. Sein Kollege Richard Wrangham nahm an, dass die Intelligenz ein ‚Beifang‘ der Selektion nach Freundlichkeit gewesen sei und konnte es anhand der gezüchteten Silberfüchse von Beljajew nachweisen: Sie erwiesen sich als unglaublich intelligent und viel klüger als ihre aggressiven Artgenossen. Brain konstatierte: „ Wenn man einen intelligenten Fuchs will, selektiert man nicht nach Schlauheit, sondern nach Freundlichkeit. “
Das was den Menschen ausmacht ist ihr soziales Lernen, sie sind ‚supersoziale Lernmaschinen‘. Das offene Gesicht, in dem das Bindehaut-Weiß jede Blickrichtung erkennen lässt – im Gegensatz zur schwarzen Bindehaut der wilden Tiere - , die zurückgesetzten, beweglicheren Augenbrauen und die zu Tage getretenen Gesichtszüge lassen die inneren Regungen erkennen. Dadurch waren Menschen dazu prädestiniert, miteinander in Beziehung zu treten und Sprache zu entwickeln. Ihre Kooperation und ihr gemeinsames Bewältigen der Herausforderungen ließ sie nicht nur überleben, sondern auch in Frieden sich weiter entwickeln.
Die neuere Wissenschaft bestätigt somit unzweifelhaft das positive Menschenbild von Rousseau. Der Mensch der Vorzeit war frei und friedliebend, im Grunde gut.
Kommentar: Das negative Menschenbild als Rechtfertigung von Macht und Gewalt
Nicht ein Beifang der Freundlichkeit, wie Richard Wrangham annahm, ist die Intelligenz der Menschen, sondern die unmittelbare Auswirkung der Freundlichkeit: Über die Resonanzerfahrung, Kommunikation und den Abgleich der Wahrnehmung untereinander entwickelte sich eine interindividuelle Intelligenz.
Wie sehr Unterdrückung mit der Zivilisation einherging, lässt sich an der geschichtlichen Entwicklung ablesen: Alle Staaten der Antike waren „ausnahmslos Sklavenstaaten. Die als Meilensteine der Zivilisation genannten Erfindungen von Geld, Schrift und Rechtsprechung waren ursprünglich Meilensteine der Unterdrückung. Geld diente der Erhebung von Steuern, die frühesten Texte waren Schuldenlisten, das älteste Gesetzbuch beinhaltete vor allem Strafen für diejenigen, die Sklaven zur Flucht verhalfen. Athen bestand zu Zweidrittel aus Sklaven. Bis zum Jahr 1800 waren weit über ein Viertel der Weltbevölkerung Leibeigene von Reichen.“ Wenn das negative Bild der unzivilisierte Wilden, der Barbaren, bis heute noch seine Wirkung zeigt, so verdankt es seine Entstehung den Auftragsdichtungen der Mächtigen, die sich darin verherrlichen ließen als Beschützer, weise Führer, starke Helden. Das negative Menschenbild, das den Menschen als egoistisch, aggressiv und chaotisch im Sinne der Fassadentheorie zeichnet, ist eine Projektion der aggressiven Eigenschaften der Mächtigen, die zugleich die Rechtfertigung dafür liefert, die Bevölkerung zu bevormunden, zu gängeln, zu rekrutieren, zu ihrem Schutz in Kriege zu führen und nach eigenen, dem Herrscherwohl und seiner Machtabsicherung dienenden Gesetzen zu bestrafen. Die Erkenntnis, dass der Mensch von seinen Ursprüngen und im Grunde gut ist, ist von grundlegender Bedeutung für eine gelingende Gestaltung der Zukunft