III. Entscheidend für unsere demokratische Zukunft: Eine Neuausrichtung von Gesellschaft und Staat auf Eigenverantwortung fördernden Strukturen
Die hier dargelegten Inhalte sind dem lesenswerten Buch von Rutger Bregmann: „Im Grunde gut – eine neue Geschichte der Menschheit“ (Rowohlt 2022) entnommen. Wörtliche Zitate sind in Kursiv gesetzt.
Zivilisation bedeutete für die Menschheit lange Zeit eine Katastrophe. Bis zum Jahr 1800 waren weit über ein Viertel der Weltbevölkerung Leibeigene, mehr als 80 Prozent lebten in extremer Armut, sodass Rousseau resümierte: „Der Mensch ist frei geboren und überall befindet er sich in Ketten.“ Wenn wir heute der Zivilisation viel zu verdanken haben, so ist dieser Fortschritt ein sehr junges Phänomen. Im letzten Jahrhundert konnte ein Großteil der Infektionskrankheiten besiegt werden, die Zahl der extrem Armen ist unter zehn Prozent gesunken, Der Sklavenhandel wurde verboten, gewaltsame Tode erlitten im Mittelalter bis zu 12 Prozent der Bevölkerung Eurasiens, im letzten Jahrhundert waren es trotz zweier Weltkriege nur 1,3 Prozent, Tendenz weiter fallend, in den Niederlanden nur bei 0,1 Prozent. Wir leben in den sicherste und reichsten Zeiten seit Beginn der Zivilisation. Da allerdings der Schwerpunkt der Ausbeutung und der Befrachtung mit Abfallprodukten sich inzwischen auf die Natur und die Grundelemente Erde, Wasser, Luft verlagert hat und damit die Gefahr einer Klimakatastrophe heraufbeschworen wurde, kann noch keine Bilanz der Auswirkungen der Zivilisation gezogen werden.
Es lässt sich aber sagen, dass alles davon abhängt, dass die Menschheit sich ihres Evolutionsvorteils ‚Freundlichkeit‘ besinnt und bedient (s. Beitrag „I. Ist der Mensch von Natur aus rücksichtslos raffgierig und nur notdürftig zivilisiert oder im Kern freundlich, friedlich und kooperativ?“). Demokratie als Abbild einer pluralen Gesellschaft der Minderheiten und Mittel zur Abpufferung der negativen Auswirkungen der Macht durch deren Eingrenzung und Aufteilung ist die einige Chance für diesen Evolutionsvorteil des Menschen. Was demokratisches Handeln vermag, wird an einigen Beispielen deutlich:
1. Neuausrichtung in der Pflege
Der Niederländer Jos de Blok, bis 2006 Direktor einer großen Pflegeeinrichtung, registrierte die Kluft zwischen der Führungsspitze und normalen Arbeitnehmern, sah, wie Chefs sich in einem innercircle bei Schulungen und Kongressen bewegten. ‚Manager von Pflegeeinrichtungen‘ hatten innerhalb von 18 Jahren den größten Zuwachs und lernten in Fortbildungskursen Kluges über Management, Finanzwesen und Kommunikationstechnologien - mit dem Ergebnis: Sie hielten sich für einflussreich bei vielen Dingen, die in den Einrichtungen passierten, und bestärkten sich gegenseitig in der Meinung, Fachkräfte würden nicht strategisch denken und hätten keine Ideen.
De Blok stieß mit seiner gegenteiligen Vorstellung an Grenzen und machte deshalb im Jahr 2006 einen eigenen Pflegedienst auf namens Buurtzorg (Nachbarschaftsbetreuung) auf. Nach seinem Motto ‚Managen ist Schwachsinn. Man muss die Leute einfach ihren Job machen lassen‘ Er motivierte seine Mitarbeiter nicht, und gab keine hehren Ziele vor. „Man versucht, eine Beziehung zu jemandem in einer schwierigen Situation aufzubauen, das bleibt immer gleich.“ Buurtzorg begann mit einem Team von vier Pflegern, inzwischen gibt es in den Niederlanden mehr als 800 Teams mit mehr als 14.000 Mitarbeitern, die ohne Manager, Callcenter oder Planern arbeiten. De Blok wurde fünf mal zum Arbeitgeber des Jahres gewählt. Sein Konzept ist so einfach wie effektiv:
„Die Teams von etwas zwölf Profis machen so viel wie möglich selbst. Sie planen ihre Woche selbst. Sie stellen Kollegen ein. Und sie liefern keine Pflege nach Tarif-Listen… Buurtzorg hat nur ein Produkt: Pflege... Ferner exsistiert eine interne Webseite, auf der Mitarbeiter Wissen und Erfahrung austauschen können. Jedes Team kann über ein eigenes Ausbildungsbudget verfügen. Für 50 Teams gibt es einen Coach, der einspringen kann, wenn ein Team einmal keine Lösung findet.“ Das Urteil des Unternehmensberaters KPMG: „Die Zufriedenheit von Mitarbeitern und Klienten ist phänomenal gut. Was die Kosten betrifft, sind sie nur geringfügig günstiger als der Durchschnitt – aber sie liefern eine deutlich überdurchschnittliche Qualität.“
De Blok meint: „Es ist einfach, etwas schwieriger zu machen, aber es ist schwieriger , etwas einfacher zu machen… Leitungsebenen mögen es lieber schwieriger, denn das macht deinen Job interessanter und dann kannst du auch sagen: Siehst du wohl, ich bin unverzichtbar, um diese ganze Komplexität zu beherrschen.“
Könnte ein großer Teil der wissensbasierten Wirtschaft so funktionieren, dass Manager und Berater die Dinge so komplex gestalten, dass sie unentbehrlich für das Managen dieser Komplexität sind und dass so ein Verdienstmodell für Banker wie Einrichtungsleiter generiert wird? In der Pflege hat die juristische Absicherung das Heft in die Hand genommen. Wenn aus der Pflege ein Markt gemacht wird, schwellen die Kontrollmechanismen und vorbehaltlichen Regelungen an, was in immer mehr Bürokratie mündet. Dann wächst die Zahl der Berater und Verwaltungsexperten, während die der Pflegenden abnimmt. Noch ein wichtiges Element war für den Erfolg von Buurtzorg wichtig: „Je simpler die Finanzierung, desto mehr Aufmerksamkeit wird dem Inhalt gewidmet. Je komplizierter die Finanzierung, desto mehr wird nach Möglichkeiten gesucht, das System zu missbrauchen.“
2. Neuausrichtung im Unternehmen
Ein weiteres Beispiel für die Wirksamkeit des Konzeptes von Buurtzorg ist das französische Unternehmen FAVI, das Teile für die Automobilindustrie liefert. Jean-Francois Zobrist machte aus einem Unternehmen mit straffer Pyramidenstruktur, Boni für Vielarbeit und Kürzungen für Verspätungen ein Unternehmen, das daran glaubt, dass der Mensch gut ist. Er ließ die Fenster vom Managementraum zur Produktionsstätte zumauern, entfernte Stechuhren und Schlösser, schaffte das Bonussystem ab. Er teilte das Unternehmen in ‚Mini-Fabriken‘ mit 25 bis 30 Mitarbeitern auf, die ihren eigenen Teamleiter wählen konnten, und selbst über ihr Gehalt, ihre Arbeitszeit, über Einstellungen entscheiden konnten. Ausscheidende Manager wurden nicht ersetzt, die Personal-, Planungs- und Marketingabteilung verschwanden. Nach dem Prinzip des ‚umgekehrten Delegierens‘ erledigten die Teams alles selbst, es sei denn, sie schalteten die Geschäftsführung ein.
Das Ergebnis: Die Produktivität stieg, die Belegschaft wuchs von 100 auf 500 Mitarbeitern und eroberte 50 Prozent des Marktes für seine Produkte. Die durchschnittliche Produktionszeit der wichtigsten Teile sank von elf auf einen Tag. Somit musste FAVI nicht wie andere auf Billiglohnländer ausweichen, sonder konnte sich in Europa behaupten. Zobrists Philosophie ist sehr einfach: ‚Wenn man Mitarbeiter behandelt, als wären sie verantwortungsbewusst und zuverlässig, dann sind sie es auch.‘
3. Neuausrichtung in der Schule
Auch für Kinder in Schulen gilt, dass sie mit mehr Freiheit besser umgehen können als mit Schularten, die an Fabrikorganisationen erinnern mit festen Stundenplänen, Prüfungen, engen Klassenräumen, die ihre Mobilität und ihre Fähigkeiten, im Spiel zu lernen, untergraben. Sjef Drummen, Schulleiter der von ihm gegründeten Agora-Schule in Roermond, ließ Wände der Klassenräume einreißen, schaffte Hausaufgaben, Fächer, Noten und Klassenstufen ab. Es gab nur Teams von autonomen Lehrern ohne hierarchische Strukturen. Die Agora-Schule war keine Elite-Privatschule, sondern stand Schülern aus unterschiedlichsten Milieus offen. Offene Entwicklungsmöglichkeiten beförderten Lernleidenschaften und eröffneten Schülern, die sonst im Schulalltag untergegangen wären, sogar Zugang zu universitären Laufbahnen. Am meisten beeindruckt aber das Gefühl der Zusammengehörigkeit unter den Schülern. Es gibt kein Mobbing: „Man korrigiert sich gegenseitig.“ In der Agora-Schule gibt es Freiheit, aber keine Unverbindlichkeit: Einfache Regeln geben Struktur: Der Schulalltag wird von einem Schüler eröffnet, es gibt eine Stillstunde und ein wöchentliches Gespräch mit einem Coach. Die Coachs bringen ihnen bei, wie sie sich eigenständig Ziele setzen. Die Coachs fördern und fordern heraus, sie ermuntern und begleiten. „Die Unterrichtsphilosophie der Agora-Schule ist die der Jäger und Sammler: Kinder lernen am besten in der Gemeinschaft, die alle Altersgruppen und schulischen Niveaus inkludiert, mit Coachs und Spielleitern, die nicht einschränken, sondern bei der Entwicklung helfen.“
4. Neuausrichtung in der Kommunalpolitik
Auch in großen Gemeinden zeigt sich, dass (Entscheidungs-)Freiheit große politische Kräfte freisetzen kann. In der Stadt Torres im Westen Venezuelas mit 205.000 Einwohnern konnte eine fundamentale Änderung der Kommunalpolitik zu erstaunlichen Ergebnissen führen, indem man die Bürger als verantwortungsbewusst, motiviert und konstruktiv behandelte. Der bis dahin unbekannte Julio Cháves (nicht mit dem Präsidenten verwandt) gewann die Bürgermeisterwahl 1996 und setzte sein simples Wahlversprechen um, seine Macht an die Einwohner von Torres weiterzugeben: Es wurden hunderte von Versammlungen, offen für alle, einberufen, in denen nicht nur diskutiert sondern auch Entscheidungen getroffen wurden. 100 Prozent des Investitionsbudgets, ca. sieben Millionen Dollar, wurden fortan von den Bürgern selbst verausgabt. Die alte Elite sagten Anarchie und Scheitern voraus. Stattdessen war bereits nach 10 Jahren die Stadt nicht mehr wiederzuerkennen: Wie die Untersuchung der Universität von Kalifornien ergab, waren Korruption und Klientelpolitik stark zurückgegangen, zahllose Häuser und Schulen waren aus dem Boden gestampft, Straßen angelegt und Wohnquartiere erneuert, dank der stark politisch engagierten Bürger. Auch nach 25 Jahren beteiligen sich gut 15.000 Bürger jährlich an den Versammlungen an 560 Orten und entscheiden über einen der größten Bürgerhaushalte der Welt.
Eine noch größere Umwälzung hatte schon zuvor 1989 beginnend in Porto Alegre stattgefunden: Dort wurden ein Viertel des Etats der Stadt den Bürgern anvertraut. Die Stadt hatte mit großen finanziellen Problemen zu kämpfen. Ein Drittel der Bevölkerung lebte in sogenannten Armenvierteln. Nach dieser Neuerung ging es in der Stadt schnell voran: Die Zahl der mit Kanalisation versorgten Bürger ging innerhalb von sieben Jahren von 48 auf 95 Prozent hoch, die Zahl der an die öffentliche Wasserversorgung angeschlossenen Haushalte von 75 auf 99 Prozent. Dreimal so viele Kinder gingen zur Schule, fünfmal so viele Straßen wurden angelegt, die Steuerhinterziehung nahm deutlich ab. Die Evaluation der Weltbank ergab, dass „sehr viel weniger Geld für prestigeträchtige Immobilienprojekte und mehr für Infrastruktur, Bildung und Gesundheit ausgegeben“ wurde. Die Schlussfolgerungen einer groß angelegten Studie amerikanischer Forscher 2014 lauteten: „Der (Bürgerhaushalt) ist stark mit einem Anstieg der Ausgaben für das Gesundheitswesen , einem Anstieg der Zahl der Nachbarschaftsvereine sowie einer Abnahme der Kindersterblichkeit verbunden. Diese Verbindung wird noch sehr viel stärker, wenn die Bürgerbeteiligung über längere Zeit durchgehalten wird.“ Zehn Jahre nach Start dieses Projekts war diese Idee von mehr als hundert brasilianischen Städten übernommen worden. Und diese Idee eines ‚partizipativen Haushaltes‘ wurde schließlich auch international aufgegriffen bis 2016 in mehr als 1.500 Städten, darunter New York, Mexiko-Stadt, Sevilla und Hamburg.
5. Neuausrichtung im Strafvollzug
In Norwegen, 100 km südlich von Oslo befindet sich in einem Wald ein Gefängnis der besonderen Art: In Halden gibt es keine Zellen und keine Gitterstäbe, keine Wachen mit Pistolen
oder Handschellen, die Aufseher tragen keine Waffen. Es gibt eine mit Birken und Kiefern bewachsene hügelige Landschaft. Alle haben ein Zimmer mit Bodenheizung, Flachbildschirm, Badezimmer. Es gibt Küchen, in denen die Häftlinge selbst kochen dürfen, ausgestattet mit Porzellan und Messern aus Stahl. Es gibt eine Bibliothek, eine Kletterwand und ein richtiges Musikstudio, in dem auch öffentlich wirksam produziert wird. Einzig eine das ganze Gelände umgebende hohe Stahlwand lässt erkennen, dass hier ca 250 Drogendealer, Sexualverbrecher und Mörder untergebracht sind. 15 km südlich auf der Insel Bastoy sitzen 115 Schwerstkriminelle die letzten Jahre ihrer Strafe ab. Dort grillen Häftlinge und Wachen gemeinsam, es wird geschwommen, gemeinsam gegessen. Ohne Uniform sind Personal und Kriminelle kaum auseinanderzuhalten. Die Häftlinge müssen hart arbeiten, um das Zusammenleben am Laufen zu halten. Sie müssen pflügen, säen, ernten und kochen, Holz hacken und Zimmerarbeiten verrichten. Sie verfügen dabei über Handwerkszeug einschließlich Kettensägen, die sich bestens als Mordwaffen eignen. Ein Viertel der Lebensmittel wird so selbst erzeugt. Das Personal, darunter 40 Prozent Frauen, hat in einem zweijährigen Jahrgang gelernt, dass Häftlinge auf einen freundschaftlichen Umgang besser reagieren als auf Gängelei. Die Norweger nennen das ‚dynamic security‘ im Gegensatz zur hergebrachten ‚static‘ security‘. Während in Gefängnissen herkömmlicher Art, die als ‘totale Institutionen‘ funktionieren, Mobbing an der Tagesordnung ist, herrscht unter den Insassen dieser beiden Gefängnisse ein respektvoller Umgang, sie bilden eine friedliche Gemeinschaft. Wenn es zu Konflikten kommt, werden die Streithähne zu einer Aussprache in einem Raum zusammengeführt, den sie erst nach einem Handschlag verlassen dürfen.
Wissenschaftliche Untersuchungen ergaben, dass in Norwegen die Rückfallquote um fast die Hälfte sank. Nicht zufällig hat Norwegen die niedrigste Rückfallquote der Welt: 20 Prozent, und bei der Insel Bastoy nur 16 Prozent. In den USA dagegen sind 60 Prozent der Gefangenen bereits wieder nach zwei Jahren hinter Gittern.
Kommentar:
Die aufgeführten Beispiele kann man als aktuellen Beweis ansehen, dass unser Evolutionserfolg durch Freundlichkeit bewirkt wurde und auch heute Strukturen wie zur Zeiten der Jäger und Sammler mit nahbaren Anführern, gemeinsam abgestimmten Handeln und geteilten Verantwortlichkeiten zu den besten Ergebnissen führt. Ob es um ambulante Pflege, um ein Wirtschaftsunternehmen, um Schulen, Kommunen oder Gefängnisse geht, in all den Beispielen wird deutlich: Wenn Menschen eigenverantwortlich in nicht hierarchischen Strukturen zusammenarbeiten können, kommt es zu einem Schub an kreativer Problembewältigung, zu Effektivitätssteigerungen und positiven Entwicklungen in einem Ausmaß, das zuvor nicht absehbar war.
Es wird deutlich, dass unsere gesellschaftlichen und institutionellen Strukturen nach diesen Erkenntnissen neu gedacht und organisiert werden müssen. Und es könnte eine Überlebensfrage unserer Demokratie sein, ob eine solche Neuorientierung gelingt. Wenn wir unsere Stimmen für die Zukunft erheben möchten, dann für die Durchsetzung derartiger vorbildhafter Ansätze.
Zuletzt soll nach einmal Rutger Bregmann zu Wort kommen: „Weltweit werden unsere Demokratien von mindestens sieben Plagen heimgesucht. Parteien, die zerbröseln. Bürger, die einander nicht vertrauen. Minderheiten, die ausgegrenzt werden. Wähler, die ihr Interesse verlieren. Politiker, die sich als korrupt erweisen. Reiche, die ihre Steuern hinterziehen. Hinzu kommt ..., dass die heutige Demokratie mit einer tief verwurzelten Ungleichheit einhergeht.“ Bregmann hat dankenswerter die Mittel gegen diese sieben Plagen aufgezeigt.