Fakten, Realität, Wirklichkeit und ihre Bedeutungen für unser Leben
Gegenwärtig beeinflussen in den Anschauungen über die Welt zwei gegensätzliche Interpretationen der Wirklichkeit untergründig Art der Wahrnehmung und Handeln. Bei der einen Anschauungsweise wird das, was wissenschaftlich bewiesen und festgestellt worden ist, für das eigentlich Reale, Wirkliche gehalten, anderes als ungewiss oder spekulativ angesehen. Die andere Anschauungsweise betrachtet die Realität als ein gesellschaftliches Konstrukt, bestimmt und gestaltet durch die herrschenden gesellschaftlichen Verhältnisse. Da es sich bei der Betrachtung und Interpretation der Wirklichkeit um sprachlich vermittelte soziale Konstrukte handele, wird die Realität auch durch sprachliche Uminterpretation veränderbar angesehen. Diese Realitätsauffassung schenkt der Bedeutung biologischer und physischer Gegebenheiten sowie historisch gewachsener Erkenntnisse über die Welt keine Beachtung. Folgendes Zitat aus Wikipedia (kursiv gesetzte Zitate in diesem Beitrag sind Wikipedia unter dem Stichwort → Realität entnommen) charakterisiert diese Auffassung als aktuelle Zeitströmung: „Jean Baudrillard (Agonie des Realen) als Denker des Poststrukturalismus sieht Ende des 20. Jahrhunderts die aktuelle Realität durch eine ‚Agonie fester Bezüge, Agonie des Realen und Rationalen‘ bestimmt, mit dem das Zeitalter der Simulation Einzug hält. Die Geschichte habe sich ‚zurückgezogen‘, einen ‚Nebel der Indifferenz hinter sich zurücklassend, durchquert zwar von Strömen, aber all ihrer Bezüge entleert‘. Baudrillard stellt Theorien der Hyperrealität auf, in der das Zeichen auf Kosten des ursprünglich von ihm Bezeichneten an Macht gewinnt.“ Es fällt nicht schwer, hier einen unmittelbaren Bezug zu der ständig anwachsenden Macht sogenannter alternativen Fakten, von fake news und von öffentlich eingesetzten unverhohlenen Lügen im politischen Raum herzustellen. Fragen nach Wirklichkeit und Wahrheit sind daher aktuell von großer Bedeutung. In den folgenden Ausführungen sollen die Begriffe ‚Fakten. Realität, Wirklichkeit‘ nahe am allgemeinen Sprachgebrauch verwendet werden, deren Bezüge zu Lebenswirklichkeiten dargestellt werden.
Sind Fakten das, was über die Welt und das Leben gültig ausgesagt werden kann?
Zunächst wieder ein Zitat aus Wikipedia: „Für die Naturwissenschaft ist Realität das, was der wissenschaftlichen Betrachtung und Erforschung zugänglich ist. Dinge, die nicht messbar sind – etwa Phänomene, die dem Bereich der Transzendenz oder dem Glauben zuzuordnen sind –, sollen keine Basis für wissenschaftliche Theoriebildung sein. Dabei geht es vor allem um methodisch feststellbare Wechselwirkungen. Inhalte von Vorstellungen, Gefühlen, Wünschen, Wahrnehmungen und ähnlichem gelten zunächst einmal als nicht der Realität zugehörig. Die Identifizierung von Realität und Wirklichkeit ist jedoch nicht unproblematisch“
Das lateinische Wort ‚faktum‘ heißt übersetzt ‚das Gemachte‘. Damit ist schon ein wesentliches Merkmal wissenschaftlicher Vorgehensweise und Realitätswahrnehmung benannt: Die Naturwissenschaft gewinnt Erkenntnisse aus hoch artifiziellen - in der ‚realen‘ Natur nicht vorkommenden - Versuchsbedingungen und Präparationen. Sie kann damit isolierte, auch dem Auge verborgene Eigenschaften (Ansichten/Erscheinungsformen/Naturgesetze) der Untersuchungsgegen-stände beschreiben und sichtbar machen. Das analytische, sprich: den wissenschaftlichen Gegenstand in einzelne Teilaspekte auflösende Vorgehen weist Schwächen auf beim Verständnis der Gesamtzusammenhänge ihres Gegenstandes. Man muss sogar sagen, dass die Totalität des Gegenstandes als solchen aufgrund des analytischen Vorgehens grundsätzlich nicht erfassbar bleibt (siehe unten: Zitat über Immanuel Kant). Wikipedia dazu: „Bei Aussagen der Wissenschaft über die Realität ist heute kaum noch umstritten, dass sie die Wirklichkeit in Symbole (mathematische Zeichen und eine Theoriesprache) übersetzt und die wissenschaftlichen Daten aufgrund von Theorien entstehen (theoriebeladen sind) und interpretiert sind. Dementsprechend kann man vom Gegenstand der Naturwissenschaften ebenso von möglichen Naturen sprechen“ - anders ausgedrückt: von tastenden Bemühungen, zur Außenwelt passende Aussagen zu generieren.
Das (wissenschaftliche) Faktum ist somit das Ergebnis einer Art des Umgangs mit der Realität. Das Gemachte der Wissenschaft erweist sich erst recht als künstlich, als Kunst, wenn es im Rahmen der angewandten Wissenschaft menschlichen Zwecken dient.
Das gilt erst recht für die auf Statistik sich stützende Sozialwissenschaft. Dort verhindern die einschränkende Auswahl des Untersuchungsgegenstandes, die Art und Auswahl der Fragestellungen, die inhaltlichen Formulierungen, die Aggregation der Antworten und deren Gewichtung bei den Ergebnissen schon vor der Interpretation eine hinreichend abgesicherte Abbildung der sozialen Realität des Untersuchungsobjekts.
Somit verkürzt die weit verbreitete Wissenschaftsgläubigkeit im Sinne: ‚Für mich ist nur real, was wissenschaftlich nachgewiesen ist‘ die Anschauung der uns umgebenden und unser soziales Leben bestimmenden Realitäten. Ein naiver Materialismus hat keinen Zugang zu den Lebenswirklichkeiten. Es herrscht eine Welt der Objekte, in der der Mensch selbst letztlich als (totes) Objekt, als nach den entdeckten Mechanismen funktionierende Maschine gedacht wird. Dass daraus sich auch eine unbegrenzte Manipulierbarkeit des menschlichen Körpers ableiten lässt, liegt auf der Hand.
Was ist real, was kann Realität für sich beanspruchen?
Unter dem Stichwort Realität bietet Wikipedia eine Fülle von unterschiedlichsten Definitionen an. Als Grundlage eignen sich Überlegungen von Immanuel Kant: Er „bezeichnete die Außenwelt mit dem Begriff der ‚Dinge an sich‘. Dieser Begriff war für ihn ein Grenzbegriff, weil er die Eigenschaften der Außenwelt für den Menschen als nicht erkennbar ansah. In das Bewusstsein gelangen nur von der Außenwelt affizierte Wahrnehmungen, die er Erscheinungen nannte. Da die Erkenntnisweise bei allen Menschen gleich ist, können die Wahrnehmungen intersubjektiv überprüft werden, so dass es auf der Ebene der Erscheinungen ein objektives Wissen gibt. Die Realität umfasste für Kant aber auch den Bereich des reinen Verstandes und der reinen Anschauungen, die sog. intelligible Welt, die a priori im Menschen liegt. Der Mensch verfügt unabhängig von den Dingen an sich über Anschauungen von Raum und Zeit sowie über Denkstrukturen, die sog. Kategorien, mit denen er die Erscheinungen strukturiert und nach Regeln in Begriffe und Urteile (Aussagen) umwandelt. Auch wenn die Dinge an sich für den Menschen nicht unmittelbar erkennbar sind, müssen sie notwendig angenommen werden, weil sonst keine Anschauungen entstehen können.“
Mit dem Grenzbegriff ‚Ding an sich‘, das für eine in ihrem Wesen nicht erfassbare Außenwelt steht, anerkennt Kant das Geheimnis allen Seins, das trotz aller Untersuchungen, Betrachtungen und Erforschungen unauflösbar verborgen bleibt. Mit den ‚von der Außenwelt affizierten Wahrnehmungen‘, die ins Bewusstsein dringen, beschreibt Kant ein Resonanzphänomen , ein sich Angesprochen-fühlen von der Außenwelt , das die Wahrnehmung auslöst (s. dazu Beitrag: ‚Die Unverfügbarkeit der Welt und das Scheitern des Verfügbarmachens der Moderne‘ über Hartmut Rosa). Das Wort Wahrnehmung, wörtlich genommen, drückt aus, dass man etwas in der Außenwelt für wahr nimmt, es als wahr annimmt: es bezeichnet damit sehr gut auch die unaufhebbare Differenz zwischen dem ‚Ding an sich‘ der Außenwelt und dem Aspekt (= der An-Sicht) des Dinges, der mich affiziert hat und meine (subjektive) Wahrnehmung ausgelöst hat. Kant beschreibt dann den Übergang von dem subjektiven für wahr-Nehmen zu einer gemeinsam als wahr anerkannten Realität: Die bei allen Menschen gleiche Erkenntnisweise (die gleiche Verarbeitungsweise im Gehirn) ermöglicht, die subjektive Wahr-nehmung intersubjektiv zu überprüfen. Auf diese Weise entsteht aus An-Sicht, An-Schauung objektives Wissen (beide Begriffe drücken ebenso die Differenz zwischen den ‚Dingen an sich‘ und dem stets nur begrenzten Erfassen-können passend aus).
Man muss sogar annehmen, dass auch Tiere durch Lautverständigungen objektives Wissen über Aspekte der Dinge entwickeln. Beim Menschen hat die Entwicklung der Sprache erst die Vielfältigkeit der inneren Bilder, ihre Systematisierung durch übergeordnete, anhand von vergleichbaren objektiven Eigenschaften zusammenfassende Begriffsbildungen zu einer inneren differenzierten Repräsentanz der Außenwelt geführt. Kant dazu: Es ‚bedarf ... der menschlichen Begriffsbildung, um eine Realität im Bewusstsein entstehen zu lassen.‘ Aufgrund der grundsätzlich nur subjektiven Erscheinungen im menschlichen Bewusstsein des einzelnen Menschen gingen idealistische Auffassungen von einer nicht nachweisbaren Existenz der Außenwelt aus, vernachlässigten dabei aber die Bedeutung des Abgleichs von Wahrnehmungen durch die menschliche Kommunikation. Andererseits sehen Vorstellungen, dass die Sprache Realität konstituiert, sprachliche Zeichen als primär an, losgelöst vom bezeichneten Gegenstand der Außenwelt - und vernachlässigen dabei, dass es des Dinges an sich, des Gegenstandes, bedarf, damit ihm ein (Laut-/Sprach-)Zeichen zugeordnet werden kann.
Wirklichkeit und seine zentrale Bedeutung im menschlichen Leben
Während Realität sich zuerst auf intersubjektiv objektivierte Feststellungen über die (Außen-)Welt bezieht, deutet die Wortbedeutung von Wirklichkeit in eine andere Richtung. Wirken hat weder mit Machen noch nüchternem Anschauen zu tun. Es bezeichnet einen Vorgang zwischen zwei ‚subjektiven Objekten‘. Mit ‚Wirken‘ sind zwei entgegengesetzte Richtungen zusammengefasst: Sowohl wirkt der Mensch auf ein subjektives Objekt ein als auch das subjektive Objekt auf den Menschen. Wirken bezeichnet somit eine Wechselwirkung, die nicht mechanisch ist, sondern ein Resonanzerleben zwischen beiden subjektiven Objekten bedeutet. Hartmut Rosa hat als Kennzeichen dieses resonanten Wirkens genannt: 1. Das Subjekt wird von außen, durch die Welt (einen Mitmenschen, ein Mitgeschöpf, einen Gegenstand) so affiziert, berührt, dass es ein intrinsisches Interessen daran entwickelt, sich angesprochen fühlt (von diesem ‚subjektiven Objekt‘). 2. Daraus entsteht eine eigene Antwort, einer nach außen sich wendenden inneren Bewegung (E-motion), verbunden mit leiblichen Reaktionen (Gänsehaut,Wärme, Herzschlag etc.) und/oder eine spontane, als wirksam erlebte sprachliche Antwort. 3. Mit dieser Resonanzerfahrung entstehen Verwandlungen, die die eigene Lebendigkeit erfahren lässt. Mit Resonanzbeziehungen verändern sich Subjekt und begegnende Welt – ein ‚Wechsel-Wirken‘. 4. Über das Wirken der (Mit-)Welt, über Resonanz lässt sich nicht verfügen. Sie gehorcht keinem Willensentschluss, sie lässt sich nicht vorhersehen, nicht künstlich steigern, nicht erkämpfen. Die verändernden Aus-Wirkungen einer Resonanzbeziehung sind ergebnisoffen, nicht kontrollierbar oder planbar.
Wirklichkeit wird somit wahrgenommen, erfahren, wenn man sich mit der Mitwelt und Umwelt in Beziehung befindet. Wirklichkeit wird er-lebt, wenn man ganz gegenwärtig ist, nicht durch ein Zweites abgelenkt ist, offen ist in der aktuellen Situation. Martin Buber schreibt in seinem Buch ‚Das dialogische Prinzip‘ (Verlag Lambert Schneider, 1973): „Gegenwart, nicht die punktuelle, die nur das jeweilig in Gedanken gesetzte Schluss der ‚abgelaufenen‘ Zeit … bezeichnet, sondern die wirkliche und erfüllte, gibt es nur insofern, als es Gegenwärtigkeit, Begegnung, Beziehung gibt. Nur dadurch, dass das Du gegenwärtig wird, entsteht Gegenwart.“ Ohne zugewandte Aufmerksamkeit und Beziehungserleben keine Lebendigkeit, keine Erfahrung von Wirklichkeit. Wirklichkeit ist der Raum des aufeinander Einwirkens, der den eigenen Zustand und das Erleben des Gegenübers verändert.
Am Beispiel der Gier im Gegensatz zur Gegenwärtigkeit, zum Genießen lässt sich verdeutlichen, was ein aufgeschobenes, nicht lebendiges Leben und was ein sich erfüllendes Leben ist. Die Gier hat viele Gestalten: Gier beim Essen, Gier nach schnelleren Vorankommen, Gier nach Erlebnissen, Gier nach Besitz, Gier nach Geld, Gier nach Einfluss, Macht etc. Allen Formen der Gier sind folgende Merkmale gemeinsam: Im Zustand der Gier schätzt man nicht das Gegenwärtige, man projiziert den Beginn des eigentlichen Lebens in eine Zukunft, kommt daher nie an. Das gierige Streben nach dem Mehr ersetzt Qualität durch Quantität, Zufriedenheit (innerer Frieden) scheitert daran, das das quantitative Mehr kein mehr an Befriedigung bringt und diese somit in immer weiterer Steigerung des Mehr (vergeblich) gesucht werden muss. So die Gier beim Essen: es wird verschlungen, es befriedigt nicht und verlangt nach noch mehr. Dabei bleiben Genuss, das Erschmecken der Geschmacksnuancen, die wohlige Zufriedenheit und Dankbarkeit für das Gekostete unerreichbar. Ebenso die Steigerung der Geschwindigkeit im Gehen oder Fahren: Beim Erledigen müssen, nur vorwärts kommen Wollen wird der Weg zum reinen Widerstand, der hinter sich gebracht werden muss, unter Aufschub von Gegenwärtigkeit und wirksamer Wahrnehmung. Oder die derzeitige Gier nach ‚Erlebnissen‘: Die Liste, was man alles gesehen, fotografiert, in den sog. sozialen Medien mit anderen konkurrierend gepostet haben muss, findet kein natürliches Ende – die ständige Reiseaktivität erschlägt das vergegenwärtigende sich Einlassen auf Landschaft, Gastland und seinen Menschen, verhindert Offenheit für ungeplante Situationen, die lebendiges Erleben bedeuten. Oder die Gier nach Geld: Da man um so ‚adeliger‘ ist, je mehr man an Geld besitzt, ist man ständig im Vergleich mit anderen, bewertet die Wichtigkeit der eigenen Person an der Quantität Geld (so entstehen absolut unverhältnismäßige exorbitante Vorstandsgehälter), löst jeder Geldverlust Ängste aus und wird als Abstieg, Verlust an eigenem Wert erlebt. Es dienen die exklusiven Dinge nicht primär dem Genus sondern der Repräsentation der eigenen Wertigkeit. Die Geldmenge muss gesteigert werden, da im Mehr der Gewinn des vermissten Lebens gesucht wird. Schließlich die Gier nach Macht, die die vorgestellte höhere Wertigkeit der eigenen Person und das Herrschen über andere Menschen an die Stelle eines Lebens in Beziehungen, eines miteinander geteilten und genossenen Lebens setzt. Da Macht nur situativ aber nicht dauerhaft befriedigen kann, muss sie immer weiter ausgeübt, exekutiert werden. Das Fehlen herrschaftsfreier Beziehungen, der aus der Bemächtigung entstehende Unmut und Widerstand der Beherrschten, steigert die innere Einsamkeit. Dies erfordert wieder ein mehr an Machtausübung - einerseits als Kompensation, andererseits als Schutzreaktion gegenüber Konkurrenten um die Macht und der Bedrohung durch die Gegenwehr der Unterdrückten. Daraus resultiert eine Spirale der immer rücksichtsloser ausgeübten Macht mit Verlust an Leben in Lebenswirklichkeit.
Gier, der Zustand reiner Aneignung bedeutet eine Lebenszustand der Beziehungslosigkeit. Er ist einem Zustand der Depression ähnlich, in dem das sich Angesprochen fühlen von Mit- und Umwelt, und die innerlich erlebten spontanen Antworten verstummt sind, man sich innerlich in einer leeren, stummen Umwelt und Mitwelt erlebt.
Offenheit, Gegenwärtigkeit, Hingabe, Genuss, Leben in Beziehungen zur Mit- und Umwelt in Aufmerksamkeit, Respekt, Fürsorge und Zuneigung lässt Wirklichkeit und erfülltes Leben erfahren.