II. Woher das Böse, wo doch der Mensch im Grunde gut ist?
Die hier dargelegten Inhalte sind dem lesenswerten Buch von Rutger Bregmann: „Im Grunde gut – eine neue Geschichte der Menschheit“ (Rowohlt 2022) entnommen. Wörtliche Zitate sind in Kursiv gesetzt.
Die tiefgreifenden Folgen der Erfindung des Besitzes mit Beginn der Sesshaftigkeit
Mit dem Ende der letzten Eiszeit und dem Beginn der Sesshaftigkeit änderte sich die Lebensweise der Menschen tiefgreifend: Zwischen Nil und Tigris entstanden Hüten, Dörfer, Städte und Tempel. „.Es muss eine große Aufgabe gewesen sein, die Menschen davon zu überzeugen, dass Land, Tiere oder selbst Menschen Eigentum von jemand anderem sein könnten. Denn Jäger und Sammler teilten immer so ziemlich alles.“ Mit der Erfindung des Besitzes begann die Ungleichheit zwischen den Menschen, Erbauseinander-setzungen, Kriege, Unterdrückung der Frauen, die Feindseligkeit gegenüber Fremden (s. Beitrag: Der zweite Schöpfungsbericht und der Sündenfall). Der französische Philosoph Rousseau kam daher zu dem Schluss, dass die Zivilisation kein Segen, sondern ein Gift sei. Seine Ausführungen zur Erfindung des Privateigentums sind von beeindruckender Prägnanz: „Der Erste, der ein Stück Land eingezäunt hatte und es sich einfallen ließ zu sagen: ‚Das ist mein‘ und so einfältige Leute fand, die das glaubten, wurde zum wahren Gründer der bürgerlichen Gesellschaft. Wie viel Verbrechen, Kriege, Morde, Leiden und Schrecken würde einer dem Menschengeschlecht erspart haben, hätte er die Pfähle herausgerissen oder den Graben zugeschüttet und seinesgleichen zugerufen: „Hört ja nicht auf diesen Betrüger. Ihr seid verloren, wenn ihr vergesst, dass die Früchte allen gehören, die Erde keinem.“
Aber auch die Ernährung wurde einseitiger und weniger ballaststoffreich. Es traten zuvor nicht gekannte Krankheiten auf wie Masern, Pocken, Tuberkulose, Syphilis, Malaria, Cholera, Pest. Dies wurde durch den engen Kontakt zu den Haustieren als Krankheitsüberträgern möglich, Geschlechtskrankheiten, bei Jägern und Sammlern kaum vorkommend, verbreiteten sich durch Sodomie. Mit der Sesshaftigkeit entstanden auch religiöse Vorstellungen von Sünden und mächtigen rachsüchtigen Göttern. Mit dem Ausbruch von Kriegen begann ein Wettlauf: Dörfer wurden von Städten unterworfen und Städte von Provinzen. Der Bedrohungsdruck durch Kriege führte zu immer größeren Gesellschaften und schließlich zur Geburt von Staaten. Diese waren ausnahmslos Sklavenstaaten. Die als Meilensteine der Zivilisation genannten Erfindungen von Geld, Schrift und Rechtsprechung waren ursprünglich Meilensteine der Unterdrückung. Geld diente der Erhebung von Steuern, die frühesten Texte waren Schuldenlisten, das älteste Gesetzbuch beinhaltete vor allem Strafen für diejenigen, die Sklaven zur Flucht verhalfen. Athen bestand zu Zweidrittel aus Sklaven. Bis zum Jahr 1800 waren weit über ein Viertel der Weltbevölkerung Leibeigene von Reichen. Wenn das negative Bild der unzivilisierten Wilden, der Barbaren, bis heute noch seine Wirkung zeigt, so verdankt es seine Entstehung den Auftragsdichtungen der Mächtigen, die sich darin verherrlichen ließen als Beschützer, weise Führer, starke Helden.
Neben den gravierenden Folgen der Erfindung von Eigentum und der Entwicklung der Zivilisation werden noch psychologische und soziale Faktoren genannt, die Böses befördern können.
1. Die korrumpierende Wirkung von Macht und Überlegenheitsgefühlen
Im Jahr 1513 verfasste Machiavelli die Abhandlung ‚Il Principe‘ (Der Fürst). Sie wurde zu einem höchst einflussreichen Werk, gelesen von Kaiser Karl V., König Ludwig XIV, Napoleon, Stalin, Bismarck, Churchill, Moussolini und Hitler. Seine Philosophie: Wer Macht möchte, muss schamlos sein, ohne Prinzipien, ohne Moral, der Zweck heiligt die Mittel. „Man kann von den Menschen insgeheim sagen, dass sie undankbar, wankelmütig, falsch, feig in Gefahren und gewinnsüchtig sind.“ Nettigkeit ist Heuchelei. Menschen tun nur etwas Gutes, wenn sie dazu gezwungen werden.
Die Forschung von Professor Dacher Keltner zum Machiavellismus erbrachte folgende Ergebnisse: Zunächst untersuchte er die Machtstrukturen in kleinen Gesellschaften wie Studentenwohnheimen, Sommercamps etc. und stellte fest, dass jemand, der sich wie von Machiavelli beschrieben verhielt, wurde schief angeschaut, für einen Idioten gehalten und ausgeschlossen und die freundlichsten wurden zu Anführern. In einer zweiten genialen Studie zeigte sich die Wirkung von experimenteller Zuschreibungen einer Überlegenheit. Keltner bildete bei seinen Probanden Dreierteams, bei denen er eine Person zum Anführer ausloste. Während die Dreierteams mit langweiligen Aufgaben beschäftigt wurden, wurde ihnen fünf Kekse gereicht. Der vierte Anstandskeks blieb bei allen liegen, aber der fünfte landete regelhaft im Mund des Anführers, der nach Videoanalyse häufiger mit offenem Mund aß, schmatzte und krümelte. Einen ähnlichen Effekt wies er nach, indem er Probanden mal mit klapprigen Autos, mal mit einem teuren Mercedes oder BMW an einen Zebrastreifen heranfahren ließ, den gerade ein Fußgänger überqueren wollte: Alle Fahrer der klapprigen Autos hielten an, bei den teuren fuhren 45% einfach durch. Je teurer das Auto, desto ungehobelter das Fahrverhalten. Keltner fiel die Ähnlichkeit mit Schädelhirn-Verletzten auf, die eine acquired sociopathy, Züge einer antisozialen Persönlichkeitsstörung aufgrund der Gehirnschädigung aufwiesen. Mächtige Personen sind wie Hirngeschädigte impulsiver, egoistischer, rücksichtsloser, arroganter, narzisstischer und grobschlächtiger als der Durchschnitt, gehen öfter fremd, hören weniger gut zu und sind schamlos: sie erröten nicht, zeigen eine Pokerface-Fassade: Das sich Spiegeln im anderen ist erloschen (Kommentar: Wer denkt da nicht an Erdogan oder Putin). Weitere Untersuchungen zeigten bei Machthabern ein typisches negatives Bild vom Menschen als faul und unzuverlässig,woraus eine Notwendigkeit abgeleitet wird, zu lenken, auszuspionieren, zu regulieren zu zensieren und zu kommandieren. Vor der Sesshaftigkeit wurden Anführer nach guten charakterlichen Eingenschaften ausgesucht, und wenn denen die Macht ‚zu Kopfe‘ stieg, konnten sie besser wieder abgesetzt, vertrieben werden. Das änderte sich mit der Entwicklung von Dörfern und Städten, der Ausbildung von Hierarchien und Machtmitteln der Herrschenden, die Widerstand lebensgefährlich werden ließ.
2. Der Aufstieg von Menschen mit soziopathischen Zügen
Abgesehen von der korrumpierenden Wirkung von Macht ist es im Zustand gefestigter Hierarchien für Persönlichkeiten, denen jegliche Scham abgeht, die unempathisch sind und soziopathische Züge aufweisen, leichter, in mächtige Positionen aufzusteigen. Macht dient dabei als Ersatzdroge für fehlende menschliche Nähe. Studien zeigen, dass bei bis zu 8 Prozent der Führungspersonen eine Soziopathie diagnostiziert werden konnte bei einem Vorkommen in der Gesamtbevölkerung von nur einem Prozent.
3. Abneigung gegen Fremdes bei Kleinkindern
Kleinkinder verhalten sich freundlich zugewandt den nächsten Personen gegenüber, aber abgeneigt gegenüber fremden Gesichtern, Gerüchen, Sprachen. Diese Tatsache weist auf die Grenzen der Menschenfreundlichkeit, der Empathie hin, die sich wie ein Suchgerät eher auf Gleichgesinnte, gleich Aussehende ausrichtet. Diese Fokussierung verstärkt sich, wenn man sich in Opfer einfühlt und die ausgemachten Täter um so mehr dämonisiert. Empathie setzt die Nächsten in ein gutes Licht und lässt blind werden für die Perspektive der Gegner.
4. Manipulationen verstärken die Affekte gegenüber Fremden
Wenn die Selektivität des Einfühlungsvermögens (der Empathie) mit manipulativen Polarisierungen verstärkt wird, können im Grunde freundliche Menschen zu bösen Handlungen motiviert werden. Experimente mit Lehrer-Schüler-Situationen, bei denen Lehrer anhand von äußern Merkmalen wie Augenfarbe Schüler in intelligente, bessere und weniger intelligente, schlechtere einteilten und noch durch unterschiedliche Kleidung markierten, begann herabsetzendes Verhalten, Mobbing, Überheblichkeit auf der einen, Minderwertigkeitsgefühle auf der anderen Seite zuzunehmen.
5. Suche nach Halt und Anerkennung als Motive von Terroristen
Terroristen, die schreckliche Taten begangen hatten, wurden in Untersuchungen von der Umgebung oft als nett, sympathisch beschrieben. Auffällig war jedoch ihre Empfänglichkeit für Meinungen anderer und Anfälligkeit für Autoritäten. Sie gierten nach Anerkennung, wollten eigentlich Gutes tun. Es waren oft Brüder, man mordete ‚füreinander‘. Ideologie spielte für sie nicht die entscheidende Rolle, sie wurde oft erst nach Rekrutierung angeeignet. IS-Anhänger wurden meist über Freunde rekrutiert und besorgten sich erst im Nachhinein Islam-Kenntnisse. Die kranken Ideologien waren nur den Anführern wichtig, die meist von früh auf einsam waren und sich über einseitige Lektüren in einen abgeschotteten ideologischen Kokon hinein manövrierten. Das gab ihnen Wichtigkeit, die sie in Beziehungen nicht erleben konnten. Diese Erkenntnisse könnten wegweisend für Reintegrationsbemühungen sein, dass es dabei nicht primär um ideologische Umerziehung, sondern um Stärkung eines gesunden Selbstbewusstseins durch sinnvolles Arbeiten und anerkennende Beziehungserfahrungen gehen sollte. (s. dazu auch der Beitrag „Entscheidend für unsere demokratische Zukunft: Eine Neuausrichtung von Gesellschaft und Staat nach Eigenverantwortung fördernden Strukturen“)
6. Der Rassismus der Aufklärer als Rechtfertigung des Kolonialismus
Auch wichtige Vertreter der Aufklärung konnten auf Empathie verweigernde Einstellungen nicht verzichten: In derselben Zeit erfanden sie den Rassismus. David Hume vermutete, dass die ‚Neger‘ den weißen unterlegen seien, Voltaire sah ihre Intelligenz der ‚unsrigen‘ weit unterlegen und Thomas Jefferson, der den Satz ‚alle Menschen sind gleich geboren‘ in die amerikanische Verfassung schrieb, war selbst ein Sklavenhalter. Diese Einstellungen förderten den Kolonialismus mit all seinen Auswüchsen und Verbrechen.